Namenlos
"Texte"

 

Guten Morgen!

Bis ich 22 war, habe ich tief und fest geschlafen. Ich denke, in der Kindheit war ich wach. Ich glaube auch, ich weiß, wann und warum ich die Augen schließen musste, wohl um bestimmte Dinge nicht mehr sehen zu müssen. Der Schlaf war, wie gesagt, tief und fest, wohltuend und besänftigend. Das plötzliche Erwachen mit 22 war dann um so schlimmer, geradezu brutal. Natürlich konnte ich das nicht aushalten, es war wirklich unerträglich, dies alles auf einmal sehen zu können und zu müssen. Vor allem, weil da niemand war, der mir die Legende zu den Bildern hätte geben können. Die Schläfer um mich herum riefen: „Falscher Traum! Falscher Traum!“ und zwangen mich mit der Hilfe chemischer Geschosse wieder auf den Boden ihrer eigenen Realität zurück. Sie brauchten wohl einfach ihre Ruhe.

Das erste Erwachen, ausgelöst durch eine lächerliche Winzigkeit und wie die nächsten unvermittelten Augenaufschläge begründet in der Liebe oder der Unfähigkeit zu lieben, dieser erste Blick auf die Gesamtheit also blieb nicht folgenlos. Wer einmal die in einem Vexierbild versteckte Figur entdeckt hat, wird sie immer sehen, ob er nun will oder nicht. Dieses Wissen hat mir einige wunderschöne und seltene Blüten beschert, und manchmal fühlte ich mich, als säße ich auf einem Berggipfel und schaute auf den unter mir liegenden Nebel. Mit der Zeit entdeckte ich, dass die anderen Berggipfel auch bevölkert sind und deren Bewohner sich im Licht über dem Nebel sonnen können wie ich. Beim respektvollen Zuruf über die nah/ferne Distanz jedes Mal eine tiefe Zufriedenheit. Die Waffen der Schläfer wurden mit der Zeit stumpfer oder ich wurde nur gewitzter, wie auch immer: sie können mir schon lange nichts mehr anhaben.

Es ist nett mit anzusehen, wie der Nebel langsam sinkt und mehr und mehr Land und neue Gipfel freigibt. Obschon sich in einigen Gegenden noch eine hartnäckige Suppe breit macht - die Kraft der Sonne wird allemal ausreichen, auch diesen Nebel zu Dunst werden zu lassen und schließlich ganz aufzulösen. Die Strahlen der Sonne kitzeln die Nasen der Schlafenden, manche müssen niesen. Erwachen tun sie alle. Der frühere Bauschlosser mit den Strahleaugen aus dem Speisewagen zwischen Berlin und Basel erst mit 76 und Robin aus dem Sprayerpark in Zürich eben schon mit 15.

Da bleibt mir eigentlich nur noch zu sagen: „Guten Morgen, allerseits! Weckt doch schon mal die anderen, ich werde jetzt erst mal frühstücken gehen. Ciao!“

 

 

 

Selbstbildnis 2003


- Ich beschäftige mich mit allem und nichts, vor allem mit nichts.

- Als Kind wollte ich eine Katze sein, sollte ich ein Hund sein, bin aber – ach! – zum Vogel geworden.

- Ich hasse Geld und benötige viel zu viel davon.

- Ich hasse Autos, aber liebe Rolls-Royces und Jaguars, so lange sie älter als fünfzig Jahre sind.

- Mein Körper sehnt sich nach anderen männlichen Körpern, seit ich mir meines Körpers bewusst bin. Trotzdem habe ich zwei Kindern das Leben schenken können und bin noch immer froh und glücklich darüber.

- Ich liebe die Sonne und lebe auf, wenn ich sie sehe – allerdings nur dann, so lange sie nicht auf Autoabgase scheint und dadurch O2 in O3 verwandelt, was meine Atemwege und alle Schleimhäute bis aufs Äußerste reizt. Ich würde sie noch viel mehr lieben, wenn ihre Strahlen endlich (!) wirklich sinnvoll genützt werden würden.

- Ich liebe das Meer.

- Ich liebe das Meer!

- Ich liebe das Meer, so lange es nicht mit Arsen, Quecksilber, Blei, fossilen Brenn- und Schmierstoffen etc. etc. vergiftet und auf lange Sicht lebensfeindlich gemacht wird.

- Ich liebe alle Tiere, so lange sie nicht entwürdigt und gequält werden. Denn dann tun sie mir auch noch sehr, sehr Leid. Womit um alles in der Welt hätten sie das je verdient?

- Ich liebe alle Menschen, so lange sie nicht entwürdigt und gequält werden. Denn dann tun auch sie mir sehr, sehr, s e h r Leid. Womit um Himmels Willen hätten sie das je verdient?

- Ich liebe die Nacht, besonders, wenn es draußen regnet und sonst alles still ist.

- Ich liebe die Stille.

- Ich atme die Stille.

- Ich brauche die Stille, um meine eigenen Töne hören zu können.

- Ich träume nie.

- Meine Traumberufe sind Sodbrenner oder Tauchsieder, im Moment bin ich vor allem als Müllschlucker tätig.

- Ich besitze Langmut und habe lange Mut.

- Ich bin nicht religiös. Um Gottes Willen!

- Mein biologischer Grundumsatz ist gewaltig, mein finanzieller ebenso - zumindest, was meine „Verhältnisse“ angeht.

- Weshalb sollte ich Umgangsformen erlernen? Jeder hat doch seine eigenen.

- Meine Talente quälen mich manchmal. Meine Begabung: a gift und das stärkste Gift, das ich kenne.

- Mein Sohn ist kurzsichtig, möchte mich aber lieber nicht aus der Nähe sehen

- Ich habe einer Tochter das Leben geschenkt, doch sie wünscht mir den Tod

- Ich wurde als Mensch geboren und mit Leitungswasser zum protestantischen Christen gestempelt. Dieser Stempel ist schon lange weg, denn mittlerweile bin ich mit fast allen Wassern gewaschen.

- Ich bin Rassist: im Zweifel ziehe ich Schwarze vor.

- Ich bin meistens blau, aber nie betrunken and I am not blue at all – well, just sometimes maybe. And this can be even very nice!

- Ich bin ein tapferer, sanftmütiger, pazifistischer Krieger.

- Ich bekomme noch Zustände wegen dieser Zustände – vor allem wegen den Zuständigen!

- Für mich gibt es weder Probleme noch Lösungen, schon gar keine Endlösungen. Es existieren lediglich Situationen und – meist provisorische - Verbesserungen.

- Ich bin zeitweise gequält von Wortwiederholungszwängen, Wortwiederholungszwängen und Wortwiederholungszwängen, und was meine Assoziationskettenhemden angeht: ich bin über jedes jedes Mal erstaunt.

- Ich spiele mit allem. Immer. Aber seriös! Immer.

- Ich komme des Öfteren viel zu spät, bin aber immer rechtzeitig da.

- Ich bin Diplomwichser, und das ist natürlich auch gut so!

- Ich bin ein begnadeter Aufschneider – allerdings, Aufschnitt ist so etwas schrecklich Billiges... ich denke, das mit dem Aufschneiden lass’ ich doch besser.

- Ich bin ein viel sagender Nichtssager und kann ein nichts sagender Vielsager sein, wenn es opportun scheint.

- Ich weiß, ich bin das Allerletzte. Nicht schlecht eigentlich. Zumindest besser, als im Mittelfeld zu schwimmen. 

 

 


zurück