Monique
Lucienne
Saarbrücken, Februar 1995 :
... « Geben sie ihr 30 mg. Haldol, das wird sie sich beruhigen. Und fixieren sie diese Furie, sonst können sie die Infusion nicht anlegen.
Schicken sie ihren
Mann nach Hause, er kann sowieso nichts tun. Ach so,
fast hätte ich es vergessen,
fragen sie ihn ob sie uns überhaupt versteht,
sie benutzt nur französiche Schimpfwörter."
... "Espèce
d´abrutis, connards, sales boches. ils n´ont rien compris. Je ne suis pas
malade, je ne suis pas dépressive ni maniaque ni bi-polaire.
Je suis seulement révoltée. J`ai voulu fuir, mais... J´ai échoué une fois
de plus.
Frontières dans ma tête.
Frontière qui s´ouvre.
De quel côté du mur la frontière me rassure ?
La frontière est tombée.
Liberté ?“
Wenn du in der Nähe der Grenze wohnst ist es ganz einfach zu fliehen. Schnell auf die andere Seite , wenn du es nicht mehr aushältst.
Wenn du in der Nähe der Grenze
wohnst, ist es ganz einfach mal kurz rüber zu fahren, zum Einkaufen oder zum
Bummeln,
oder nur um diese andere Luft einzuatmen, diese fremde Luft, die du gar nicht
mehr als fremd, als anders empfindest ,
weil du schon ein Teil von ihr geworden bist.
Zwischen Deutschland und Frankreich gibt es keine Grenze mehr. Und doch ist sie da, Ich spüre sie ganz stark, diese Grenze.
Vor 50 Jahren hatte Brigitte
ihre Deutsche Vergangenheit für eine französische Zukunft zurückgelassen.
Sie war bei Nacht und Nebel über die Grenze geflohen. Damals konnte man noch
nicht so einfach mal kurz rüber zum einkaufen. Auf der anderen Seite war der
Feind.
Brigitte ist mit dem Feind davongelaufen. Jung und verliebt. Doch auf der anderen Seite, war sie der Feind.
Brigitte... Ein deutscher
Name, doch wenn du ihn etwas anders aussprichst, dann ist er auch ein
französischer Name. : "Bri-schitt" ...
Und trotzdem bleibt sie die "boche", Die "sale boche", die der Sohn als lästiges
Gepäck mit nach Frankreich zurückgebracht hat.
Und schwanger ist sie auch noch, diese kleine deutsche Hure.
Heimweh, Kälte in diesem
wunderschönen Süden. Sie hatte sich doch soviel Wärme versprochen.
Sonne und Meer, Olivenbäume und Lavendel, das sollte ihre neue Heimat werden,
davon hatte sie geträumt.
...Und sie konnte nicht mehr
zurück, ihr Stolz ließ es nicht zu. Nur ein bißchen von sich selbst hat sie
wieder zurückgebracht,
wieder bei Nacht und Nebel, über die Grenze geschmuggelt. Ein kleines Bündel
leben, ihre Tochter.
Ihr kleines Mädchen lebte nun
in Deutschland, wohlbehütet von den Großeltern.
Aus der kleinen Monique machten sie eine Monika. Wie hätten sie ahnen können ,
daß dieses kleine "a" ein Leben so verändern kann.
Monika, das war die kleine "boche",
die in Saarbrücken eine französische Schule besuchte. Für sie bestand die
deutsch-französische
Grenze aus einem Buchstaben, einem "a".. Und da waren auch diese vielen
unsichtbaren Grenzen, die sie einfach nur spürte
und die sie immer mehr zur Außenseiterin machten...
Grenzen, überall Grenzen. Sie
wollte fliehen, genau wie ihre Mutter geflohen war.
Mit 9 Jahren hatte sie es geschafft. Der sonnige Süden, eine richtige
Familie, Wärme. Sie hatte immer wieder davon geträumt.
Es war der Horror...
...Eine Mutter, die ihr fremd
war, ein Stiefvater, der sie mißhandelte.
Zwei kleine Brüder , die im Heim aufwuchsen und die sie nicht kannte. Wenn
Brigitte ihre Söhne besuchte ,
sagte sie zu ihrer kleinen Tochter: "On va voir tes petits frères". Sie
nannte sie nie bei ihren Namen,
so wurden sie für Monique auch einfach nur " les petits frères" .
Da war auch diese französische
Schule. Und sie war immer noch "la boche" . Sie saß fast immer in der letzten
Reihe.
Es war üblich, die Schüler nach ihren Leistungen zu ordnen. Die Besten vorn, die
schlechten hinten.
Ab und zu schaffte sie es bis zur dritte Reihe (es waren fünf im Klassenzimmer).
In ihrem Zeugnis stand dann :
"Très bien, tu as fais un bel effort. Continue comme cà". Dann gab
es ausnahmsweise keine Prügel.
...Mit 20 durfte sie sich
endlich entscheiden , wo sie nun leben wollte. Und sie wollte nach Deutschland
zurück,
schnell wieder auf die andere Seite.
...Seit mehr als 30 Jahren
geht es ihr gut. Die deutschen Freunde nennen sie Monique.
Es lebt sich gut in Deutschland mit einem deutschen Ehemann , zwei Töchter und
fünf süßen Enkel.
Es ist etwas besonderes als Französin in Deutschland zu leben und mit einem
Deutschen verheiratet zu sein.
Es ist "chic" seine Kinder zweisprachig zu erziehen. Es gibt keinen Feind mehr,
keine Grenze.
Alles hat seine Ordnung gefunden...
...Doch da sind immer noch
diese vielen unsichtbaren Grenzen.
Sie sind einfach da und machen Angst, immer noch.
Sie haben sich nicht geöffnet, die Grenzen im Kopf. Das "Haldol" wird da auch nicht helfen.
Ihre schlimmste Angst ist, die Grenze zum Wahnsinn zu überschreiten und irgendwann nicht mehr zurück zu finden.
Die schlimmste Angst ist, es nicht zu schaffen auf die andere Seite des Lebens zu fliehen, wenn alles unerträglich wird.
Die schlimmste Angst ist , in der Psychiatrischen Klinik zu landen und an einem Bett fixiert zu sein.
Die Angst ist ihre Grenze .
Die Grenze, ihre Heimat.
Monique Lucienne
24.12.2003
( Pour Lucienne, Gérard, Francoise,
Jean-pierre et Robert.
Pour mes enfants et petits enfants )
PARFOIS, SOUVENT, TOUJOURS.
Parfois, je m´ envole très haut.
Parfois, je me sens de trop.
Parfois , je suis au paradis.
Parfois, je traîne dans mon lit.
Souvent, je me sens super bien.
Souvent, je ne comprends plus rien.
Souvent, je me fais du soucis.
Très souvent, tu n´ as rien compris.
Parfois, je suis triste et déprimée.
Parfois, je me sens mal aimée.
Parfois , lorsque la joie revient,
Je veux vivre... demain.
Souvent, l´ amour de mes enfants,
D´une amie ou d´ un mari aimant,
Une tendre caresse, un « je t´aime, mamie »
Voilà des mots d´amour et je guéris.
Souvent, je suis triste à mourir.
Souvent, il suffit d´un sourire.
Parfois, quand je sors de mon lit
Affaibli, je me sens si petit.
Et poutant, je n´ai jamais cessé
De croire et d´ espérer.
Quand je vais mieux, je remercie le ciel.
Parfois, un peu plus tard, je dis : »la vie est belle ».
Mais souvent la tristesse revient.
Et toujours, je me dis : « ce n´est rien ».
Souvent, je sens une ombre près de moi
Mais je sais que sans elle
Le soleil n´ existerait pas.
MANCHMAL
Manchmal da geht es mir gut
Manchmal verlier ich den Mut
Manchmal bin ich im Paradies
Manchmal fall ich ganz tief.
Oft bin ich leer und fühle nichts
Oft ist es dunkel, ich seh kein Licht
Oft bin ich traurig,mach mir Sorgen
Sehr oft hab ich Angst vor Morgen.
Manchmal bin ich sehr betrübt,
Fühl mich machmal ungeliebt.
Machmal kehrt die Freude wieder:
"Leben!" rufen meine Lieder.
Oft hör ich sanfte Liebesworte
Von Kind und Freundin:die Pforte
Zur Heilung steht offen.
Ein"Liebste Oma" macht mich hoffen.
.
Oft bin ich zu tode betrübt
Weiß nicht wie mir geschieht
Ich kriech aus dem Bett,ich bin wach
ich fühl mich so klein, so schwach.
Habe dennoch nie aufgehört
Zu hoffen und zu beten
Ich danke Gott,es geht mir gut:
Wie schön ist doch das Leben.
Und plötzlich fühl ich mich ganz klein
"Muß das denn jetzt schon wieder sein?"
Dann weiß ich und es wird mir klar
Dass immer Licht kommt,wo mal Schatten war.