Die manisch-depressive Krankheit wird durch Unterschiede in der Art und Weise, wie das Gehirn und Nervensystem das grundlegende Verhalten eines Menschen regeln, verursacht.

Das menschliche Nervensystem ist eine faszinierende organische Maschine, die ein erstaunliches Gebräu von chemischen, elektrischen und magnetischen Impulsen erzeugt und auf diese auch reagiert. Sie summt ständig vor sich hin und verarbeitet Informationen von allen unseren Sinnen und reagiert darauf in einer Weise, die jede körperliche Aktivität steuert, angefangen bei grundlegenden Dingen wie Atmung und Kreislauf bis zu höheren Funktionen.

Ein einziger Fehltritt bei einem dieser Prozesse kann eine Kettenreaktion von Ereignissen in Bewegung setzen, die zu einem neurologischen Ereignis führt, wie Gedächtnislücken, Anfällen oder eben manischen Episoden. Wenn solche Fehltritte ständig auftreten, dann hat die betreffende Person eine neurologische Krankheit.

Zirkadiane Rhytmen

Das Nervensystem von Menschen mit manisch-depressiver Erkrankung macht häufig spezifische regulatorische Fehler. Viele davon betreffen die innere Uhr des Körpers, die das Phänomen kontrolliert, das Zirkadiane Rhythmen genannt wird. Das sind die regulären Veränderungen im Schlaf- und Wachrhythmus, steigende und abfallende Aktivitätsgrade, und sogar Empfindungen wie Hunger und Durst und deren Befriedigung. Die chemische Uhr, die diese Rhythmen bestimmt, befindet sich in einem Teil des Hypothalamus, den man den suprachiasmatischen Kern nennt, der unter anderem auch auch die Ausschüttung des Hormons Melatonin durch die Zirbeldrüse steuert.

Sie haben wahrscheinlich schon von Melatonin-Ergänzungsmitteln gehört, die als Therapie für Schlaflosigkeit angeboten werden. In der Tat ist dieses Hormon der körpereigene Mechanismus zum Herunterfahren und die Produktion setzt gewöhnlich mit Beginn der Abenddämmerung ein. Der suprachiasmatische Kern justiert sich selbst, basierend auf den Helligkeitsmustern der vergangenen Tage und, etwas langsamer, dem Verlauf der Jahreszeiten. Es scheint wichtig für den Menschen zu sein, dass er sich um die Mittagszeit starkem, direkten Licht (egal ob Sonneschein oder künstliches Licht) aussetzt und dass die Gesamtmuster von Hell und Dunkel sich langsam und natürlich verändern. Menschen mit manisch-depressiver Erkrankung scheinen es schwerer zu haben, dieses System zu regulieren. Das ist eine Henne-Ei-Situation: Die Rhythmen sind in Unordnung, also sind Wachen, Schlafen und andere Muster gestört. Je mehr Schlaflosigkeit, vermehrter Schlaf, Änderungen der Essgewohnheiten und der Aktivitätsmuster auftreten, desto schwieriger wird es, die innere Uhr zurückzusetzen und der Mensch wird immer kranker.

Die Produktion des Neurotransmitters Serotonin wird ebenfalls von der Menge des Umgebungslichts beeinflusst. Neurotransmitter sind hormonähnliche Chemikalien die Signale in alle Teile des Nervensystems aussenden. Serotonin beeinflusst die Stimmung, den Appetit und noch viel mehr. Bei Menschen mit manisch-depressiver Erkrankung könnten Serotonin und andere Neurotransmitter in den falschen Mengen produziert werden, durch falsche Bereiche des Gehirns aufgenommen werden, oder die Aufnahme könnte an einigen Stellen gestört sein.

Mit jedem weiteren regulatorischen Fehler werden die Symptome eines Menschen deutlicher und schwerer. Das ist wie ein Schneeball, der einen Hügel hinunterrollt: irgendwann sind die zirkadianen Rhythmen und andere Regelsysteme völlig aus der Spur und es kommt zu extremen Stimmungszuständen, die Depressionen, Manien und andere anormale Geisteszustände mit sich bringen. Die betroffene Person kann deutliche Fehler in der Denkstruktur bekommen und sogar Geräusche oder Stimmen hören, die gar nicht da sind, sich beobachtet fühlen oder denken, sie seien jemand ganz Besonderes mit einer wichtigen Mission.

Die gestörten Verhältnisse im Nervensystem können sich irgendwann auch äusserlich zeigen. Die Bewegungen werden hektisch oder sehr langsam, ruckartig oder überpräzis. Tonfall und Sprechgeschwindigkeit können sich ändern. Schnelle,  nicht zusammenhängende Sprache beispielsweise wird der Manie zugeordnet.

Was ist es, das bei Menschen mit manisch-depressiver Erkrankung das Auftreten dieser verheerenden Kettenreaktion erlaubt? Zum Zeitpunkt, an dem dies geschrieben wird, kann niemand mit Sicherheit ein bestimmtes Gen oder eine Abweichung im Gehirn verantwortlich machen, aber die Krankheit wird wahrscheinlich durch eine komplizierte Mischung aus vererbten genetischen Unterschieden, Unterschieden der Hirnstruktur und Hirnchemie, ungewöhnlicher elektrischer und magnetischer Aktivität im Hirn und Umweltfaktoren verursacht.

Genetische Unterschiede

Es gibt gegenwärtig keinen Zweifel, dass die manisch-depressive Erkrankung in Familien läuft. Etliche Studien haben die genetischen Verbindungen deutlich gemacht, auch wenn der genaue Mechanismus noch nicht entdeckt wurde. Wie auch bei anderen psychischen Krankheiten, bei denen man um die genetische Unterlage weiss, beinhaltet das Vererbungsmuster ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Gene.

Mögliche Unterschiede bei den Chromosomen 5, 12, 18, 21 und beim X-Chromosom bei Menschen mit manisch-depressiver Erkrankung gefunden.

Anmerkung: auf jeden Fall ist kar, daß es nicht EIN verantwortliches Gen für die Erkrankung gibt, sondern daß viele Faktoren zusammenspielen - ähnlich wie bei Diabetes.

Unterschiede in der Hirnstruktur

Ein Defekt im Chromosom 22 ist wahrscheinlich zumindest ein Teil des Problems, das möglicherweise strukturelle Unterschiede im heranwachsenden Gehirn verursacht. Es kann auch Unterschiede darin geben, wie das Auge (dieses Sinnesorgan ist sehr eng an das Hirn angebunden) Licht absorbiert.

Das Gehirn ist das komplexeste und am wenigsten verstandene Organ im Körper. Es ist der Brennpunkt des zentralen Nervensystems, zudem auch die Nerven der Wirbelsäule gehören. Das zentrale Nervensystem empfängt, verarbeitet und versendet jeden Tag Billionen von Signalen mittels chemischen und elektrischen Impulsen. Die Wissenschaft hat gerade erst angefangen, herauszufinden, wie diese Chemikalien und Stromstösse arbeiten und was wir derzeit wissen, ist elendig unangemessen, wenn es darum geht zu helfen, wenn diese Prozesse aus dem Ruder laufen.

Das Gehirn besteht zum Grossteil aus zwei Sorten von Zellen. Die erste, die Neuronen, übernehmen die harte Arbeit der Informationsverarbeitung. Die zweite Art, die Gliazellen, sind doppelt so zahlreich wie Neuronen. Sie haben die weniger glanzvolle Aufgabe, sicherzustellen, dass die Neuronen ausreichend Nährstoffe und andere Chemikalien haben, sie reparieren verletzte Stellen im Gehirn und stellen sich angreifenden Bakterien entgegen.

Diese Zellen bilden in ihrer Kombination eine enorm komplizierte Architektur. Das Gehirn besteht aus etlichen komplexen Teilen, die alle zusammenarbeiten, um Körperfunktionen zu steuern, Gedanken und Gefühle zu erzeugen und Erinnerungen zu speichern und abzurufen. Die Forscher sind sich nicht ganz sicher, welche Teile des zentralen Nervensystems genau von der manisch-depressiven Erkrankung betroffen werden, aber es tritt im Lauf der Jahre ein immer deutlicheres Bild hervor, insbesondere dank bildgebender Techniken. Dazu gehören die Computertomographie (CAT), die Magnetresonanztomographie (MRI) und Einzelphotonenemissions-Computertomographie (SPECT).

Obwohl sie zur Zeit noch nicht zur Diagnose der manisch-depressiven Erkrankung herangezogen werden können, können sie zeigen, wo anormale Aktivitäten auftreten und wo das Gehirn anders strukturiert ist als normal. Die Bipolar Disorders Clinic an der Stanford Universität ist an vorderster Front der Hirnbildforschung und vorläufige Ergebnisse deuten auf Unterschiede in den präfrontalen und anterioren paralimbischen Bereichen des Gehirns, einschliesslich ein s mandelförmigen Abschnitts, der Amygdala oder Mandelkerne  genannt wird.

Der präfrontale Bereich ist auch bei Patienten mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom verändert. Andere spezifische Differenzen, die bei Aufmerksamkeitsdefizitstörungen gefunden wurden, sind deutlicher Symmetrieverlust in der Caudate, kleinerer rechter Globus, kleinere rechte anteriore Frontregion, kleineres Cerebellum und Umkehr der normalen lateralen ventrikulären Asymmetrie.

Die Amygdala sind  eine von mehreren kleinen Strukturen tief im Gehirn, die Basalganglien genannt werden. Diese Strukturen sind an der Kontrolle automatischer Bewegungen und Verhalten beteiligt und sind durch Nervenfasern an den Hypothalamus angebunden. Die Basalganglien sind Teil des Hemmsystems des Hirns und wenn sie nicht richtig arbeiten, können unwillkürliche Bewegungen (Tics), unwillkürliche oder zwanghafte Gedanken und Verhaltensweisen, sowie Enthemmung auftreten. Menschen, die unter dem Tourette-Syndrom, einer neurologischen Störung, leiden, haben eine höhere Anfälligkeit für die manisch-depressive Krankheit.

Weitere Ergebnisse in Hinblick auf die manisch-depressive Erkrankung, die bei Hirnscans gefunden wurden, beinhalten unter anderem eine vergrössertes Caudatum und "weisse Flecken" unbekannter Herkunft, die sich in den Aufnahmen zeigen. Die Studien mit bildgebenden Verfahren befinden sich nicht in völliger Übereinstimmung und die Zahl der Studien, die überhaupt gemacht werden, ist immer noch sehr klein. Niemand ist sicher, was diese Unterschiede in der Hirnstruktur wirklich bedeuten und bislang haben sich auch noch keine neuen diagnostischen oder therapeutischen Möglichkeiten aus ihnen ergeben.

Neurotransmitter: Das Telefonsystem des Gehirns

Neuronen sind die internen Kommunikationszentren des Gehirns, aber sie tauschen keine Informationen auf direktem Wege aus. Neuronen haben einen zentralen Zellkörper mit langen Armen, die Axonen genannt werden und kleineren, tentakelartigen Strukturen, den Dendriten. Innerhalb eines Neurons werden alle Nachrichten mittels elektrischer Impulse übertragen. Aber dort wo zwei Neuronen miteinander Informationen tauschen wollen, gibt es einen kleine Abstand zwischen ihnen, den Synapsenspalt. Elektrische Impulse müssen hier in Neurotransmitter umgesetzt werden, Chemikalien, die den Synapsenspalt überbrücken können und dann auf der anderen Seite in elektrische Impulse zurückgewandelt werden.

Es gibt viele verschieden Neurotransmitter und verwandte Hormone im menschlichen Gehirn, dem zentralen Nervensystem und gastrointestinalen System. Sie sind alle ortsgebundene Chemikalien, die nur von bestimmten Zellen aufgenommen werden können, und das auch nur an bestimmten Stellen. Das stellt sicher, dass die richtigen Arten von Nachrichten übermittelt werden. Sie werden ausserdem auch an anderen Stellen des Körpers benutzt und aufgenommen, und manchmal in andere Chemikalien umgewandelt.

Neben dem Hormon Melatonin scheinen verschiedene Neurotransmitter an der manisch-depressiven Erkrankung beteiligt zu sein, darunter:

 

 

Medikamente, die Einfluss darauf nehmen, welche Mengen an Hormonen und Neurotransmittern produziert werden, oder die Aufnahme dieser Chemikalien beeinflussen, erzeugen Veränderungen der Krankheitssymptome - das ist einer der Hinweise, die der Forschung geholfen haben, herauszufinden, welche Chemikalien etwas mit den verschiedenen gesundheitlichen Zuständen zu tun haben. Diese Medikamente heilen nicht die zugrundeliegende Krankheit, aber sie können bei manchen Menschen grosse Verbesserungen im Verhalten und der emotionalen Stabilität bewirken. Es ist ein wenig wie die Einnahme des Hormons Insulin bei Diabetikern: Man bleibt Diabetiker und muss weiter auf seine Ernährung achten, aber die Insulinspritzen helfen, die Krankheit zu kontrollieren und verhindern die meisten behindernden Effekte.

Körperliche Tätigkeit, Sport, Ernährung, Vitamine und pflanzliche Nahrungszusätze können ebenfalls Einfluss auf die Neurotransmitter nehmen. Daraus ergibt sich ein weiterer Grund, bei alternativen Therapieversuchen dieselbe Sorgfalt walten zu lassen, wie bei der Verabreichung verschreibungspflichtiger Medikamente.

Ausserdem gibt es einige Hinweise darauf, dass positive oder negative Lebensereignisse, einschliesslich Gesprächstherapie und Verhaltensänderung, dabei helfen können, im Lauf der Zeit echte neurologische Veränderungen zu bewirken. Therapie ist definitiv hilfreich dabei, den Umgang mit den negativen Aspekten, welche diese Krankheit begleiten, zu verbessern, vom Verhalten in der Öffentlichkeit bis hin zu krankheitsbedingten Partnerschaftsproblemen. Ein gute Beziehung zu einem Therapeuten ist oft der Schlüssel um sicherzustellen dass die Kranken einen gesundheitsfördernden Lebenstil pflegen und ihre Medikamente richtig einnehmen.

Elektrische Schaltfehler

Das elektrische System des Gehirns ist untrennbar mit dem chemischen Botenstoffsystem verknüpft. Während des elektrischen Teils des Kommunikationsprozesses kann es zu Problemen kommen, wenn unkontrollierte Stromstösse, sogenannte Anfälle, im Gehirn stattfinden. Anfallsleiden wie Epilepsie sind bei Menschen mit manisch-depressiver Erkrankung etwas häufiger als bei der Normalbevölkerung. Das ist ein Hinweis darauf, dass anormale elektrische Aktivität manchmal an Stimmungsumschwüngen beteiligt sein kann oder als Folge davon auftritt.

Einige Arten von Anfällen sind schwer zu erkennen, selbst mit ausgefeilter Ausrüstung. Zum Beispiel glauben einige Ärzte, dass die unerklärlichen Gefühlsausbrüche, die bei manchen Kranken auftreten, etwas mit Anfällen tief im Hirn zu tun haben. Andere äussern den Verdacht, dass ein Ansteigen eines Phänomens namens Kindling - eine Art von elektrischem Echo in der Hirnaktivität, das durch Umweltreize ausgelöst werden kann - verantwortlich sein könnte. Bei Epileptikern führt der Kindling-Prozess zum Anfall, während er bei Migränekranken einem Schmerzanfall vorangeht. Vielleicht ist bei einigen Menschen mit manisch-depressiver Erkrankung der Kindling-Effekt für Verhaltensstörungen oder andere psyche Effekte verantwortlich. Das weiss zur Zeit noch niemand genau.

Wenn epileptische Anfälle vermutet werden, verlassen sich die Neurologen gewöhnlich auf Beweise aus dem Enzephalogramm (EEG), der Aufzeichnung der Hirnströme. Unglücklicherweise sind EEG-Geräte nicht empfindlich genug, um alle Arten von Anfällen in allen Regionen des Gehirns aufzuspüren.

Immunsystemschwächen

Es ist keine allgemein anerkannte Idee, aber einige Wissenschaftler theoretisieren, dass die manisch-depressive Erkrankung auch ein Problem des Immunsystems beinhalten könnte. Der gesunde Menschenverstand unterstützt diese Idee, denn das Immunsystem ist eng mit dem endokrinen (hormonellen) System verknüpft. Weiterhin leiden Menschen mit bekannten Immunkrankheit, wie zum Beispiel Lupus, recht oft unter Stimmungsschwankungen.

Interessanterweise scheint Lithium, das populärste Medikament zur Behandlung der manisch-depressiven Erkrankung, auch einige antivirale Eigenschaften zu haben. Es hat auf diesem Sektor bislang noch zu wenig Forschung gegeben, aber zumindest bei einigen Patienten könnten Immunsystemprobleme Ursache oder Nebenwirkung der Erkrankung sein.

Einige Münchner Forscher fanden auch einen signifikant erhöhten Titer (dh Anzahl von) von verschiedenen Herpesviren bei bipolaren Patienten im Vergleich zu gesunden Kontrolllen.

Andere Faktoren

Das Geschlecht kann die medizinische Diagnose stärker beeinflussen, als man erwarten würde. Frauen werden öfter mit allgemeinen Depressionsstörungen diagnostiziert, obwohl in der Kindheit die Diagnose manisch-depressiv gleichmässig zwischen Männern und Frauen verteilt ist, mit leichtem Schwerpunkt bei Männern. Andere Studien haben ergeben, dass bei Jugendlichen wiederum die Frauen öfter erkranken.

Es scheint wahrscheinlich, dass Mädchen und Frauen manchmal wegen Problemen fehldiagnostiziert werden, die in hormonalen Schwankungen begründet sind - obwohl Männer auch Hormonstörungen haben können, die Stimmungsschwankungen verursachen. Die Kultur hat ebenfalls Einfluss: Voreingenommenheit und Stress, die von Frauen und Mädchen in einer sexistischen Kultur erfahren werden, können emotionale Probleme verursachen und normales Verhalten einer bestimmten Frau kann pathologisiert werden, wenn es durch eine gewisse kulturelle Brille betrachtet wird. Eine Frau mit einem stürmischen, künstlerischen, sich durchsetzenden und vielleicht sogar aggressiven Temperament könnte in einer Kultur, welche diese Eigenschaften an Frauen nicht schätzt, als psychisch krank bezeichnet werden. Darüberhinaus suchen Mädchen und Frauen öfter medizinische Hilfe als Männer mit den selben Symptomen.

Manisch-depressive Frauen scheinen für Rapid Cycling anfälliger zu sein als Männer und haben mehr depressive und gemischte Episoden. Die Hormonaktivität spielt definitiv eine Rolle darin, wie und wann die Krankheit sich ausdrückt, besonders nach der Schwangerschaft.

Auch Männer können von Geschlechtervorurteilen betroffen sein. Ein Junge oder Mann mit manisch-depressiver Erkrankung kann sich die Aufmerksamkeit des Justizsystems zuziehen, lange bevor er sich in Behandlung begibt. Er findet sich dann eher im Strafregister wieder, als in einem Behandlungsplan, einfach weil launenhaftes, unvorhersehbares, aggressives Verhalten eher als Persönlichkeitsproblem gesehen wird, nicht als medizinisches. Statistisch gesehen sind Männer eher in Gefahr, an potentiell kriminellem, aggressivem oder riskantem Verhalten beteiligt zu sein, als Frauen. Das kann auch daran liegen, dass Männer oft leichteren Zugang zu den Werkzeugen haben, die solches Verhalten gefährlicher machen, wie beispielsweise Waffe oder schnelle Autos. Möglicherweise ist auch die Akzeptanz dieser Verhaltensweisen unter Männern grösser und führt zu ausbleibenden Diagnosen und ausbleibender Intervention. Obwohl Frauen mehr Selbstmordversuche unternehmen, gelingt es Männern der Statistik nach häufiger, sich auch tatsächlich selbst zu töten.

Andere kulturelle Dinge, einschliesslich Rasse, Religion, wirtschaftlicher Status und Nationalität können ebenfalls Einfluss auf die Diagnose haben. Psychiater, Lehrer und Familie tragen alle einen kulturellen Ballast mit sich, der von Annahmen über korrektes Verhalten bis zu Stereotypen über das Verhalten anderer kultureller oder ethnischer Gruppen reicht. Diese Annahmen können eine Rolle dabei spielen, wer welche Diagnose bekommt, wie behandelt wird und welche Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.

Obwohl die manisch-depressive Krankheit in Familien läuft, gibt es keinen Beweis dafür, dass irgendeine ethnische Gruppe immun wäre, oder dass Mitglieder einer bestimmten Gruppe ein höheres Erkrankungsrisiko hätten. Charakteristika, welche die Krankheit oft begleiten, wie Hyperfokussierung, erhöhte Kreativität und innerhalb enger Grenzen auch Aggressivität sind so wertvoll, dass Individuen mit manisch-depressiver Erkrankung zu allen Zeiten als Partner begehrt wurden und deswegen lassen sie sich auch in jeder Gemeinschaft finden.

Für Eltern und Profis, die mit manisch-depressiver Erkrankung in der Kindheit zu tun haben. ist es wichtig, diese guten Eigenschaften im Blick zu halten. Es ist nicht richtig, alles was mit der Krankheit zu tun hat, als schlecht anzusehen, und es sollte auch nicht versucht werden, diese Menschen zu billigen Kopien ihrer gesunden Zeitgenossen zu machen. Neben ihrer Krankheit haben sie oft besondere Talente und diese können ihnen helfen, ihre Schwierigkeiten zu überwinden. Egal, ob es ein kreativer Schub ist, die Fähigkeit, grosse Mengen Arbeit in kurzer Zeit zu bewältigen oder einfach nur der oft schräge Sinn für Humor und Sprache, der so vielen Menschen mit manisch-depressiver Erkrankung eigen ist; wir müssen anerkennen, was so speziell und wunderbar an diesen Menschen ist und darauf aufbauen. Dann können sie nicht nur geistige Stabilität erlangen, sondern auch ihr volles kreatives Potential als Individuen nutzen. (Anm. d. Ü: Das gilt natürlich nicht nur für Kinder, sondern für jeden, das zugrundeliegende Buch beschäftigt sich aber hauptsächlich mit der Krankheit im Kindesalter.)

Autor: Mitzi Walsh
 

Der Text ist ein Ausschnitt aus Kapitel 1 des Buches "A Guide to Helping Children and Adolescents" von M. Walsh, erschienen © 2000 bei O´Reilly & Associates, Inc. Nachdruck mit freundlicher Erlaubnis. Der Artikel dient nur zur Weiterbildung und stellt keine Alternative zu ärztlicher Beratung dar.

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