Das kleine Mädchen mit dem Pferdefuß
Ein Märchen
Es war einmal ein kleines Mädchen, das spielte immer schön mit seinen Puppen, versuchte immer brav zu sein, damit das Christkind und der Osterhase immer das brachten, was es sich wünschte und war stets lieb zu seinen Eltern und Mitmenschen. Doch irgendwann wurde das Mädchen traurig, ganz ganz traurig. Es wusste gar nicht, warum es so traurig war, aber es erzählte auch niemandem davon.
Eines Tages machte das Mädchen an sich eine seltsame Entdeckung: Sein rechter Fuß wurde breiter, es könnte schwören, dass er auch dicker wurde. Ab sofort beobachtete das Mädchen die Sache genauer. Tag für Tag sah es zu, dass der Fuß sich anfing zu verformen. Dann fing es an, breitere Schuhe zu tragen. Sein Fuß wurde prall und rund und seine Zehen schienen zusammengewachsen zu sein. In der Mitte schien es, als sei der Fuß aufgespalten. Langsam bekam das kleine Mädchen Angst. Was geschah hier nur? Schließlich begann der Fuß auch noch seine Farbe zu verändern, er wurde schneeweiss und dem Mädchen wuchsen auf dem Fuß und allmählich auch am Unterschenkel viele, viele weisse Haare. Mittlerweile konnte sich das Mädchen auch nur noch humpelnd fortbewegen und jeder Schritt tat auf der Fußsohle schrecklich weh. Die Leute mieden es, denn das Mädchen war vollkommen anders geworden, und so war es oft einsam und allein. Schließlich beschloss das Mädchen zu einem Arzt zu gehen. Der konnte ihm bestimmt helfen.
Am kommenden Morgen saß das Mädchen im Wartezimmer des Arztes. Als es schließlich aufgerufen wurde, war es sehr aufgeregt. Was sollte es dem Arzt nur sagen? Es dachte, es würde sich nie trauen, dem Arzt seinen Fuß und sein Bein zu zeigen. Der Arzt war ganz lieb und nett und schließlich traute sich das Mädchen, dem Arzt von seinem Bein zu erzählen.
„Hm,“, machte da der Arzt, „das muss ich mir natürlich genauer ansehen. Würdest Du mir bitte mal das Bein zeigen? Du brauchst keine Angst zu haben, kleines Mädchen!“. Weil der Arzt so nett war, zeigte das Mädchen ihm, was in den letzten Tagen und Wochen mit seinem Bein passiert war. „Ui,“, sagte der Arzt, „das sieht mir nach einer Gattung der Paarhufer aus!“.
„Was soll das denn heissen?“; fragte das Mädchen.
„Nun, kleines Mädchen, Du hast einen Pferdefuß!“.
Da erschrak das kleine Mädchen. Ein Pferdefuß! Wie konnte das sein? Es hatte doch nie mit Pferden zu tun gehabt und war doch immer brav gewesen. Da weinte das Mädchen und fragte den Arzt, was es denn tun könnte, damit der Pferdefuß wieder verschwindet.
„Zuerst einmal werden wir Dir den Pferdefuß mit einem Hufeisen beschlagen, damit Du wieder schmerzfrei laufen kannst. Doch er wird nur ganz weggehen, indem Du ganz hart daran arbeitest. Jeder Pferdefuß ist ein wenig anders als andere, weil alle Menschen nicht gleich sind. Deiner ist nun relativ gross und da kenne ich eine tolle Adresse, da wird Dir geholfen. Aber Du musst auch da hinwollen!“
„Es ist mir egal, wo das ist!“, sagte das Mädchen. „Hauptsache ist, dass mir dort geholfen wird!“.
„Also gut!“, sagte der Arzt, „ich schicke eine Brieftaube los, und dann wirst Du eine Antwort erhalten, wann Du kommen kannst! Hier ist zuerst mal das Schreiben für das Hufeisen und hier noch eine Salbe, die Du dreimal täglich aufträgst! Auf Wiedersehen und viel Glück! Melde Dich, wenn Du wieder nach Hause kommst!“. Sprach’s und rief den nächsten Patienten zu sich herein.
Das kleine Mädchen ging schnurstracks zum Hufschmied und zeigte ihm das Schreiben. Der Hufschmied machte sich sofort an die Ausmessungen des Fußes und passte ein Hufeisen genau an. Als das Mädchen wieder nach Hause kam, legte es sich hin und weinte bitterlich. Es weinte einen Tag und eine Nacht, und als es wieder Tag wurde, da kam eine Brieftaube geflogen und brachte dem Mädchen eine Nachricht. Das Mädchen las die Nachricht laut vor:
Liebes kleines Mädchen,
Dein Arzt hat uns von Deinem Pferdefuß berichtet. Wir wollen Dir gerne helfen! Komm doch zu uns in den dunklen, dunklen Wald, wo sich niemand hin verirrt und bleib ein wenig bei uns. Wir erwarten Dich morgen. Eine Wegbeschreibung liegt bei. Verlauf Dich nicht, denn in dieser Ecke des Waldes kennt sich niemand genau aus und es sind schon eine Menge Leute spurlos verschwunden.
Bis morgen
Dr. A. Rotwild
Chefärztin der Rumpel Stilzchen Lichtung
Wo sollte das Mädchen hin? In den dunklen, dunklen Wald? Auch noch dorthin, wo sich niemand hintraute?
Aber das Mädchen war tapfer und so packte es seinen Koffer und wanderte los in Richtung dunkler, dunkler Wald. Sein Herz schlug wie wild und es hatte ganz kalte Händchen und Füßchen. Schließlich fasste es sich ein Herz und betrat den dunklen, dunklen Wald. Dann nahm es die Wegbeschreibung hervor: An der dritten Lichtung links, dann geradeaus am Lebkuchenhaus vorbei und danach geht es hinter dem großen Baumstamm mit den vielen Herzchen links und schon siehst Du unsere Lichtung, auf der wir alle zu finden sind.
Das Mädchen brauchte nicht lange für den weiten Weg und die Rumpel Stilzchen Lichtung war schneller zu erreichen, als es gedacht hatte. Kaum hatte es die Lichtung betreten, da sah es ein Schild, das zum zweiten Baum rechts zeigte und auf dem das kleine Mädchen las, dass es zur Anmeldung gehen sollte.
Es ging direkt zu dem Baum und rief leise „Hallo?“. Da kam ein fleissiges Bienchen geflogen und begrüsste das kleine Mädchen herzlich.
„Komm nur herein, kleines Mädchen!“, sagte das Bienchen. „Nimm Platz und dann schauen wir mal, wie es Dir geht und wo Du wohnen kannst! Ich bin das Bienchen und wenn Du Fragen hast und Dich mit jemandem unterhalten willst, dann kommst Du einfach zu mir. Ich bin nicht nur das fleissige Bienchen für alle, sondern auch ein besonderes für Dich, nämlich Dein Bezugsbienchen!“.
Das Mädchen war sprachlos. Das Bienchen summte um es herum und es fühlte sich richtig wohl dabei, weil das Bienchen so eine warme und freundliche Ausstrahlung hatte. Das kleine Mädchen war zwar immer noch aufgeregt, aber es merkte schon, dass es sich hier wohlfühlen würde.
Das fleissige Bienchen summte fröhlich voran und zeigte dem kleinen Mädchen eine Hängematte zwischen zwei Bäumen und mit einem ausgehölten Baumstamm. Da sollte sein Zuhause für die nächste Zeit sein. Neugierig und trotzdem voller Furcht schaute sich das kleine Mädchen um. Was würde hier wohl alles passieren? Es gab auch eine zweite Hängematte an den Bäumen, also konnte hier wirklich noch jemand schlafen. Aber zuerst einmal blieb das kleine Mädchen alleine zwischen den beiden Bäumen. Nach einiger Zeit begann das kleine Mädchen, seinen Koffer auszupacken. Dann legte es sich in die Hängematte und hatte ein seltsames Gefühl zwischen Unwohlsein und Neugierde im Bauch. Nach einiger Zeit summte das Bienchen vorbei und holte das Mädchen zum Mittagessen ab. Sie liefen über die gesamte Lichtung und währenddessen erklärte das Bienchen den weiteren Tagesablauf. Am Nachmittag sollte das kleine Mädchen zur Chefärztin und dann würden auch gleich alle Therapien besprochen, die dem Mädchen helfen sollten, seinen Pferdefuß loszuwerden oder wenigstens nicht mehr so schlimm erscheinen zu lassen.
Aber zuerst gab es Mittagessen. Da traf das kleine Mädchen auch gleich viele andere Patienten. Alle hatten einen Pferdefuß. Bei den einen war er dicker, bei den anderen dünner; wieder andere hatten einen braunen, andere einen schwarzen und und und. Es stimmte also, was der Arzt zu Hause gesagt hatte: Kein Pferdefuß glich dem anderen.
Etwas schüchtern und unsicher setzte sich das kleine Mädchen zu einer der Gruppen, die um einen Baumstamm herum saßen.
„Hallo!“, sagte es leise und mehr zu sich selbst. „Ich bin das kleine Mädchen!“.
„Hallo, kleines Mädchen!“, wurde es sofort von den anderen begrüßt, „Wir sind Deine Mitpatienten und freuen uns, dass Du hier bist!“.
Dem kleinen Mädchen fiel direkt ein weiterer Stein vom Herzen. Die Mitpatienten waren sehr, sehr nett und keiner fand es komisch, weil es einen Pferdefuß hatte. So plauderte das kleine Mädchen mit den anderen Patienten, während alle aßen.
Am Nachmittag machte sich das Mädchen auf den Weg zu Dr. Rotwild. Wie sah wohl eine Pferdefußheilerin aus? Was musste das kleine Mädchen alles tun, um bei der Heilung mitzuarbeiten? Endlich war es bei den Bäumen angelangt, in denen Dr. Rotwild ihr Zimmer hatte, in dem sie mit den Patienten sprach. Das kleine Mädchen wartete zwischen den Bäumen brav darauf, dass es hereingerufen wurde. Plötzlich kam ein Reh zwischen den Bäumen hervor, das auf das kleine Mädchen zukam. Es war sehr groß und imposant, doch gleichzeitig erschien es dem Mädchen warmherzig und freundlich.
„Hallo, kleines Mädchen. Ich bin Dr. Rotwild. Komm doch herein und setz Dich! Ich möchte erfahren, wie Du Deinen Pferdefuß bekommen hast und dann werden wir gemeinsam anfangen, daran zu arbeiten, dass er wieder verschwindet!“.
Das kleine Mädchen tat wie geheissen und schon begann das erste Gespräch. Das kleine Mädchen erzählte, wie es so traurig geworden war und nicht mehr mit den Leuten zusammen sein wollte. Es weinte und sprach dann von seinem Pferdefuß, der daraus entstanden war. Dr. Rotwild hörte geduldig zu und ergriff schließlich das Wort.
„Armes kleines Mädchen! Das ist bestimmt sehr schlimm für Dich gewesen und ist es noch! Aber wir werden es schaffen, dass Du wieder genauso glücklich und zufrieden sein wirst wie früher! Das wird eine Weile dauern und nimmt viel Zeit und Kraft in Anspruch! Jetzt müssen wir uns zuerst einmal überlegen, mit welchen Therapien und Strategien wir Dir helfen können. Außerdem müssen wir zusehen, ob die Salbe, die Du im Moment über Deinen Fuß machst, ausreicht und überhaupt die richtige ist. Das werde ich unseren fleissigen Helfern mitteilen. Geh dort viermal am Tag hin und lass Dir die Salbe geben. Es ist im übrigen immer mindestens ein fleissiger Helfer auf unserer Lichtung, oft sind es mehrere. Wenn es Dir nicht gut geht, dann geh in jedem Fall zu ihnen. Sie hören Dir immer zu! Jetzt aber zu den Therapien und Strategien!“.
Dr. Rotwild packte einen gelben Zettel aus, auf dem viele, viele Spalten und Reihen waren. Die Reihen waren fast alle beschriftet, die Spalten waren mit Datumsangaben versehen und ganz oben stand „Das kleine Mädchen“. Das war also ein Therapieplan.
Interessiert hörte das kleine Mädchen zu, was Dr. Rotwild ihm auf dem Plan verordnete.
„Zuerst einmal kommst Du mindestens zweimal die Woche zu mir. Wir werden herausfinden, wieso Dein Pferdefuß entstanden ist. Wenn wir das wissen, dann können wir auch besser dagegen ankämpfen. Ich werde Dir auch Hausaufgaben aufgeben, die Du gewissenhaft erledigst. Auch wenn Dir vieles komisch vorkommt und Du keinen Sinn darin siehst, ist das nur zu Deinem Wohl. Wenn Du Deine Hausaufgaben nicht ordentlich erledigst, ist das mir relativ egal, denn Du schadest Dir damit nur selbst, denn ohne sie kann kein Pferdefuß verschwinden.
Alleine wirst Du auch zu den Massagen und Bädern gehen. Und wenn Du wütend bist, dann darfst Du an unseren Gummibaum und abseits von allen Dich richtig abreagieren, wann immer Du willst.
Einmal in der Woche kommen auch alle Ärzte zusammen und außerdem jeweils ein Helferlein und unser guter Mann für alles Kleingedruckte. Denn nicht nur ich bin für Dich hier, sondern viele, viele andere auch. Deshalb reden wir einmal die Woche gemeinsam mit Dir, damit jeder weiss, wie es Dir geht.
Ebenso wirst Du einige Zeit mit einigen Mitpatienten in Gruppen verbringen. Das soll Dir helfen, Deinen Pferdefuß auch einmal anders zu sehen und auch zu merken, dass Du mit ihm nicht alleine bist. Es gibt ganz viele verschiedene Gruppen. Du wirst vorerst an der Gruppe derer teilnehmen, die ängstlich sind, weil sie ihren Pferdefuß haben und manchmal glauben, dass sie ihn nie mehr loskriegen.
Außerdem wirst Du lernen, mit anderen besser umzugehen, indem Du Dich besser ausdrücken kannst, und zwar in Worten wie in Gesten.
Sogar Tanzen steht auf dem Plan. Dabei wirst Du lernen, Deinen Pferdefuß in Deinen Alltag zu integrieren und ihn vorläufig zu akzeptieren. Es gibt aber auch noch Deinen restlichen Körper, der ja normal ist, und der nicht von ihm bestimmt ist, und für den musst Du auch sorgen und ihn pflegen. Das lernst Du dort.
Magst Du malen? Einmal in der Woche wirst Du mit einer kleinen Gruppe zusammenkommen und Ihr werdet ein Thema genannt bekommen, zu dem Ihr das malen sollt, was Euch durch den Kopf geht. Gemeinsam werdet Ihr dann die Bilder betrachten und Du wirst merken, dass Deine Bilder oftmals anders auf andere wirken als wie Du es gemeint hast. Auch so wirst Du vielleicht Neues an Dir entdecken und Altes aus einem anderen Blickwinkel sehen.
Entspannen wirst Du bei leisen Klängen und Fantasiereisen unternehmen. Du wirst auf Bergen stehen und im Dschungel wandern, Bäume beobachten und Tieren begegnen. So wirst Du lernen, vom Alltag Abstand zu gewinnen.
Deine fünf Sinne sind etwas eingerostet, da Du Dich zu sehr auf Deinen Pferdefuß konzentriert hast. Deshalb wirst Du Deine fünf Sinne neu erleben im Genusstraining.
Kreativ wirst Du immer morgens sein. Du wirst mit verschiedenen Materialien und Werkzeugen zu tun haben. Ob Holz oder Ton, Seide oder Speckstein, Du wirst mit Deinen Händen Deine ganz persönlichen Kunstwerke erschaffen und sehen, zu was Du fähig bist. Du kannst vieles, obwohl Du einen Pferdefuß hast.
Am frühen Morgen gibt es Gymnastik oder aber im Wasser waten, das wechselt sich jede Woche ab.
Wandern wirst Du ebenfalls in der Gruppe, es sei denn, Ihr wollt schwimmen gehen in den schönen Waldsee zwei Lichtungen weiter.
Zum Wochenausklang kommen noch mal alle zusammen zu einem Vortrag über verschiedene Themen. Mitten in der Woche gibt es noch die Infogruppe, indem sich alle Patienten einmal austauschen können.
Das ist vorerst alles!“.
Das sollte alles sein? Es hörte sich unmöglich an, dass man das in einer Woche unterkriegen konnte. Das Mädchen schluckte und fragte, wie es all das behalten sollte.
„Dafür wirst Du diese Karte immer bei Dir haben, auf der Deine Therapien vermerkt sind. Dadurch weißt Du immer, wo Du hinmusst. Aber jetzt komm erst mal in Ruhe an und ruh Dich von der Reise aus, kleines Mädchen. Das war bestimmt etwas zu viel für Dich!“
„Vielen Dank, Dr. Rotwild, ich werde versuchen, ein wenig zu schlafen, um morgen frisch ans Werk zu gehen!“.
Das kleine Mädchen verabschiedete sich von Dr. Rotwild und machte sich auf den Weg zu seiner Hängematte, um zu schlafen.
Am kommenden Morgen wurde es freundlich von einem Helferlein geweckt. Es war noch dunkel draussen, aber das Mädchen fand keinen Schlaf mehr. So machte es sich fertig für seinen ersten Tag auf der Lichtung.
Punkt 8 h ging es in den Speisesaal, wo schon fast alle Mitpatienten saßen. Einige sahen sehr müde aus, andere plapperten schon, als würden sie nie was anderes tun. Das Mädchen gesellte sich zu dem ihm zugewiesenen Baumstamm und begrüßte die Tischnachbarn. Es war ein schönes Frühstück, das nicht nur lecker, sondern auch informativ war. Die Mitpatienten konnten dem Mädchen einige Fragen beantworten, wo es nun hin musste.
Zuerst ging das kleine Mädchen zu dem Hügel, wo es in die Kartei aufgenommen werden sollte. Das musste jeder machen, der auf die Lichtung kam, um sich helfen zu lassen. Auf einem schönen Balken hauste eine nette Fee, die wie alle anderen auch das Mädchen begrüßte und ihm ein paar Fragen stellte, und alles in einen Computer tippte.
Danach ging das kleine Mädchen hinunter und machte sich auf den Weg in die Ergoecke. Das war der Bereich, in dem es basteln und werkeln sollte. Dem kleinen Mädchen war überhaupt nicht danach, aber schließlich wollte es seinen Pferdefuß loswerden, und das gehörte nun einmal dazu.
In der Ergoecke angekommen, flatterte ihm sofort ein Vögelchen zu. Es war sehr freundlich und erklärte dem kleinen Mädchen, mit welchen Materalien es in der Ergoecke arbeiten könnte. Da gab es Holz und Speckstein, Seide, Nadel und Faden, Malstifte, Handarbeiten und so vieles mehr. Das konnte es drei Mal in der Woche morgens tun. Die beiden restlichen Tage unter der Woche konnte es morgens zum Töpfern kommen. Das kleine Mädchen wusste zuerst gar nicht, was es da tun sollte. Auf der einen Seite wollte es so viel wie möglich tun, damit es nicht die ganze Zeit weinte. Aber andererseits: Was konnte es schon? Wenn es malte, dann kamen nur Strichmännchen bei raus, während andere kunstvolle Portraits zauberten. Handwerklich begabt war es auch überhaupt nicht. Es musste extra jemanden rufen, wenn es darum ging, eine Glühbirne einzuschrauben. Wie sollte es da aus einem großen Stück Holz etwas Schönes herausholen?
Das Vögelchen beruhigte das kleine Mädchen: „Versuch es doch einfach einmal! Viele kommen hierher und denken, dass sie nichts können, aber dann merken sie dann doch oftmals, dass es ihnen Spaß macht und sie viel mehr können, als sie denken!“.
Etwas widerwillig stimmte das Mädchen zu, dass es in dieser Ergoecke blieb und sich mal ein wenig umsah, um herauszufinden, was es denn gerne mal versuchen würde.
So setzte es sich an einen Baumstamm und fühlte sich vollkommen falsch an dem Platz. Um es herum bastelten so viele, aber es selbst konnte doch gar nichts. Am liebsten wäre es davongerannt.
Doch wie es da saß, da kam ein Biber zu ihm herüber und begrüßte es freundlich. Das kleine Mädchen erfuhr, dass der Biber und das Vögelchen für alle da waren, wenn die Patienten in der Ergoecke waren. Außerdem gab es noch einen kleinen Fuchs, der war ganz brav und würde niemals jemandem was Böses tun. Der kleine Fuchs lernte noch und war nur einige Monate zur Unterstützung da, wusste aber auch schon gut Bescheid und war für die Patienten da. Der Biber wirkte sehr beruhigend auf das kleine Mädchen und es fühlte sich gleich wohl in der Nähe des Bibers, und so begann es schließlich noch am gleichen Morgen, sich an das Werkeln heranzuraten. Nach kurzer Zeit war es dem kleinen Mädchen zuviel und es machte eine Pause. Aber so ging dann immerhin auch der Morgen vorbei.
Beim Mittagessen sprach es noch einmal mit den anderen Patienten. Die meisten sagten dem kleinen Mädchen, dass es sich darauf einlassen müsse und auch, wenn es das nicht verstehen würde, so würde ihm so geholfen werden. Nur einige wenige sahen in all dem keinen Sinn. Das kleine Mädchen konnte nicht verstehen, wieso dann jemand Hilfe suchte, wenn derjenige sowieso nicht daran glaubte, Hilfe zu erfahren. Es konnte verstehen, dass manche, wie es selbst, keinen Zusammenhang zwischen seinem Pferdefuß und Basteln erkennen konnte. Aber diese wenigen schienen sich überhaupt nicht helfen zu lassen. Mochten sie vielleicht gar ihren Pferdefuß? Das kleine Mädchen fand darauf keine Antwort, aber es brauchte sie auch nicht, denn es wollte sich ja helfen lassen, dann brauchte es sich auch nicht auf diese Patienten einzulassen.
Am Nachmittag wurde es noch einmal zu Frau Dr. Rotwild gerufen. Das kleine Mädchen konnte das alles gar nicht verstehen. So klagte es Frau Dr. Rotwild, dass es nicht verstehen konnte, inwieweit ihm Wandern, Werkeln oder Massagen dazu beitragen sollten, dass der Pferdefuß verschwand. War es vielleicht am falschen Ort gelandet? Sollte es besser gleich wieder abreisen, um seinen Pferdefuß zu Hause ausheilen lassen konnte?
Frau Dr. Rotwild begann damit, das kleine Mädchen zu beruhigen. All das zählte zu der sogenannten ganzheitlichen Therapie. Frau Dr. Rotwild versuchte, das dem kleinen Mädchen so einfach wie möglich zu erklären.
„Liebes kleines Mädchen, Dein Pferdefuß, das ist ein in der Fachsprache genanntes Symptom. Es ist der sichtbare Bestandteil dafür, dass Du krank und hier auf unsere Lichtung gekommen bist. Aber Du weißt ja selbst, dass Du auch sehr, sehr traurig bist. Wenn wir Deinen Pferdefuß beseitigen, dann heisst das noch nicht, dass Du nicht mehr traurig bist und kein Pferdefuß mehr kommt. Deshalb sehen wir zu, dass wir ganz viele Bereiche von Dir durchleuchten und so vielleicht sogar zu erkennen, was Dich denn so traurig werden lässt und wir vielleicht schon von hier ab eine Lösung für das Problem finden können. Außerdem kann es sein, dass Du etwas findest, dass Dir in Zeiten der Krise, wenn Du also traurig bist, helfen kann. Dafür geben wir Dir hier Hilfestellungen. Wir möchten einfach, dass Du Dich so gut wie möglich fühlst während Deines Aufenthalts. Und das möchtest Du doch bestimmt, denn mit Deinem Pferdefuß geht es Dir ja schon schlecht genug, nicht wahr?“.
Das kleine Mädchen wurde ganz stumm, denn es fühlte sich so dumm, dass es daran gezweifelt hatte, dass all die Mühe nutzlos sei. Es schaute betreten unter sich und bekam einen roten Kopf, weil es sich schämte.
Frau Dr. Rotwild beruhigte das kleine Mädchen aber auch hier wiederum.
„Du bist nicht die erste, die daran zweifelt und Fragen stellt. Es ist sogar gut, dass Du Fragen stellst, denn wenn Du etwas tust, ohne es zu verstehen, was nützt es Dir dann? Es ist, als würdest Du 2+2 zusammenrechnen und nicht verstehen, warum 2*2 das gleiche Ergebnis ergibt. Manche Zusammenhänge ergeben sich im Leben nun mal erst aus der Summe der Dinge, verstehst Du?“.
„Ehrlich gesagt verstehe ich bisher nur Bahnhof!“, gab das kleine Mädchen kleinlaut bei. „Aber ich werde versuchen, das alles zu verstehen und umzusetzen. Ich vertraue Ihnen und allen großen und kleinen Helferlein.“
„Das ist gut so, kleines Mädchen! Und denk immer daran: Es gibt keine dumme Fragen, es gibt nur dumme Antworten!“.
Jetzt fühlte sich das kleine Mädchen wirklich beruhigt und verliess die Baumgruppe bei Frau Dr. Rotwild.
Am späteren Nachmittag sollte das kleine Mädchen an der Gruppe zum Training der Sozialen Kompetenz teilnehmen. Irgendwie war das kleine Mädchen ein wenig beleidigt, dass es an dieser Gruppe teilnehmen sollte. Es wusste sehr wohl, dass soziale Kompetenz damit zu tun hatte, wie man mit Menschen und Situationen im Alltag umgeht. Es dachte nun, mit denjenigen in einen Topf geworfen zu werden, die auf unerwünschte Antworten nur Schläge übrig hatten. Es hatte sich noch nie geschlagen und war sehr wohl in der Lage, sich auf die verschiedensten Personen in unterschiedlichen Alltagssituationen einzustellen. Aber es hatte Frau Dr. Rotwild versprochen, zu vertrauen und so wollte sich das kleine Mädchen ein Bild von der Sache machen.
Als es die Baumgruppe betrat, wehte ihm ein kühles Lüftchen entgegen. Hier war es definitiv kälter als in den anderen Baumgruppen. Das kleine Mädchen zog seine Weste enger um sich und fragte die mit ihm Wartenden, warum es so kühl war. Prompt gab ihm ein Mädchen mit einem braunen Pferdefuß die Antwort:
„Das liegt am Eisbären Herbert! Das ist der Gruppenleiter, der die Kühle einfach braucht. Du musst nicht vor ihm erschrecken, er ist zwar ein Eisbär, hat aber ein ganz weiches Fell und seine Zähne sind nicht spitz und er brüllt nicht. Er ist einfach durch seine kühle Hülle vollkommen vor äußeren Einflüssen geschützt. Deshalb ist es hier so kühl!“.
Jetzt war das kleine Mädchen aber vollends verwirrt. Ein Eisbär im dunklen, dunklen Wald? Und das auch noch auf Rumpel Stilzchens Lichtung? Na, das konnte ja heiter werden. Es hatte seine Gedanken kaum zu Ende gedacht, da kam der Eisbär Herbert auch schon die Tür rein. Er war so schneeweiss wie er Kühle ausstrahlte, nahm auf einem Baumstamm Platz und studierte zunächst die Liste derer, die anwesend sein sollten. Dann stellte er sich selbst vor:
„Mein Name ist Herbert, ich leite diese Gruppe!“. Obwohl er so gar nicht ins Bild der Lichtung passte, war der Eisbär vollkommen sympathisch und auch die übrigen Teilnehmer schienen gern mit ihm zusammen zu arbeiten. Der Eisbär Herbert erklärte an diesem Nachmittag selbst, wozu das Training Sozialer Kompetenz gut sein sollte.
„Wir lernen hier, mit Alltagssituationen besser umzugehen. Jeder kennt Situationen, in denen er oder sie nicht weiss, wie man damit umgehen soll oder auch, wie man seine Bedürfnisse in diesen Fällen umsetzen kann. Hier bietet sich eine Art Übungsplatz, an dem wir zum einen die Situationen analysieren, Lösungsansätze finden und sogar in Rollenspielen konkret üben können. Ob Ihr hier üben möchtet, das liegt an Euch! Ebenso kommen die Themen aus Euren Reihen. Wenn es keine Themen gibt, werde ich ein theoretisches Thema behandeln.“
Ein betretenes Schweigen trat ein. Niemand schien sich zu rühren. Das kleine Mädchen fragte sich, ob das schon zu dem Training gehörte. Also schwieg es ebenfalls. Schließlich schaute der Eisbär Herbert noch einmal in die Runde und sprach schließlich das Mädchen mit dem braunen Pferdefuß an: „Nun, Mädchen mit dem braunen Pferdefuß, hast Du denn kein Thema?“. Das angesprochene Mädchen errötete leicht und kicherte vor sich hin. Schließlich druckste es herum, dass es kein Thema hätte, das es in dieser Runde besprechen wollte. So wartete der Eisbär Herbert noch einige Momente und entschloss sich schließlich, etwas zu dem Thema „Nein-Sagen“ zu erläutern.
Jeder hatte selbstverständlich ein Problem damit, in bestimmten Situationen „Nein“ zu sagen. Interessant war allerdings, dass diese Situationen bei jedem unterschiedlich gewichtet zu sein. Was dem einem leicht fiel, war für den anderen schrecklich schwierig. Im Grunde genommen lief alles darauf hinaus, dass man sich selbst im vornhinein klar sein sollte, was man wollte und dass man dies durchsetzen konnte. Es bedurfte nur der Übung. Das kleine Mädchen war skeptisch. Wenn es nun von einem Freund um einen Gefallen gebeten wurde, wie sollte es da „nein“ sagen, ohne sich selbst auch schlecht zu fühlen. Irgendwie passte das nicht. Es war doch etwas anderes, jemand Fremden abzuweisen als einen Nahestehenden. Dabei war Letzteres doch wesentlich häufiger anzutreffen. Als das kleine Mädchen dies dem Eisbären Herbert so sagte, lächelte dieser verschmitzt und gab den Denkanstoss, dass dies doch in Wirklichkeit nur in seiner Welt so wäre, weil es das als wichtig und wertvoll halte. Das kleine Mädchen verstand davon gar nichts mehr, sagte aber auch nichts, weil der Eisbär Herbert so überheblich tat, zumindest hatte es so den Eindruck.
Der Tag endete mit dem Abendessen und dann legte sich das kleine Mädchen wieder in seine Hängematte und dachte über den Tag nach. Alles zusammen sollte ihm nun helfen, seinen Pferdefuß loszuwerden? Immer noch beschlichen das kleine Mädchen Zweifel. Aber wie hatte Frau Dr. Rotwild gesagt? Es war, wie zu verstehen, dass 2+2 das gleiche Ergebnis ergab wie 2*2. Das hatte das kleine Mädchen in der Schule auch erst langsam und nicht gleich am ersten Tag erlernt. Es war nicht sonderlich geduldig mit sich selbst. Aber das musste es hier lernen. Auf der Lichtung war es gezwungen, sich in Geduld und Muße zu üben. Der Tag endete, während er zu Hause oftmals erst begann. Was hatte es heute gelernt? Dass ihm seine Freunde wichtiger waren als es selbst oder fremde Menschen? Aber war das nicht normal? Was wollte der Eisbär Herbert damit sagen? Und wieso sollte es in der Ergoecke basteln? Was für Funktionen hatte es denn verlernt? Fragen über Fragen. Das kleine Mädchen konnte nur hoffen, dass es Antworten erhalten würde. Bis jetzt schien ihm alles nur noch chaotischer als zuvor. Über diesen Gedanken schlief es schließlich ein.
Am kommenden Tag ging es gleich nach dem Frühstück in die Töpferei. Töpfern war ein spezieller Bestandteil der Ergotherapie, der aufgrund seines Umfangs, der Nachfrage und anderer Besonderheiten wie der Lautstärke an zwei besonderen Vormittagen stattfand. Das kleine Mädchen ging wieder zu dem netten Biber. Es wollte mehr erfahren, was es da sollte. Es hatte keine Lust, auch hier etwas zu machen, denn es konnte doch sowieso nichts. Alles, was die anderen machten, war viel schöner als das, was das kleine Mädchen machte. Es war keine Künstlerin, es hatte da nichts dran. Es wollte nicht basteln und nicht töpfern, das alles war doch für die Katz. Es lag nicht an der Krankheit, seinem Pferdefuß, dass es künstlerisch unbegabt war, sondern an seinem Wesen. Der nette Biber hörte dem kleinen Mädchen zu und fragte es schließlich: „Wie kannst Du Dir sicher sein, dass Du so unkreativ bist, wenn Du es nicht versucht hast?“ – „Ich weiss es einfach!“.
Der nette Biber sagte schließlich zu dem Mädchen: „Lass uns einen Deal machen: Du versucht es wirklich, Dich eine Woche auf die Ergoecke einzulassen und wirklich Dinge zu probieren und wenn Du dann immer noch bei Deiner Meinung ist, werde ich Frau Dr. Rotwild berichten, dass das keine Therapie für Dich ist!“.
Das war ein Vorschlag, auf den das kleine Mädchen sich einliess. So war es weder unter dem Druck, etwas unbedingt zu erstellen noch musste es dies bis zur Entlassung durchhalten. Das kleine Mädchen war sich sicher, dass es in einer Woche nicht mehr zur Ergoecke gehen würde. Es folgte nun gerne dem netten Biber und nahm sich ein Stück Ton, aus dem es eine Kugel formte, sie aushölte, wieder zusammensetzte und etwas eingravierte. Als es am Ende des Vormittages seine fertige Kugel betrachtete, war es sehr zufrieden mit sich. Seine Kugel war wunderschön gleichmäßig, sie hatte eine glatte Oberfläche und das Muster, für das sich das kleine Mädchen entschieden hatte, war schön anzusehen.
„Siehst Du, kleines Mädchen! Du hast an diesem Morgen etwas geschaffen! Hättest Du das heute morgen nach unserem Gespräch für möglich gehalten?“.
Das kleine Mädchen musste sich eingestehen, dass der nette Biber recht hatte. Und das Seltsamste an der Sache: Es war stolz auf sich und es hatte ihm Spaß gemacht. Dass es so etwas geschaffen hatte, erschien ihm unglaublich. Selbst von sich überrascht ging es zum Mittagessen.
Das war das erste Erfolgserlebnis, das das kleine Mädchen hier verbuchen konnte. War es jetzt auf dem richtigen Weg? Gespannt war das Mädchen auf den Rest des Tages. Am Nachmittag stand Tanztherapie an. Das kleine Mädchen erwartete, dass es da tanzen würde, sich den Frust durch Bewegung heraustanzen könnte. So war es am Nachmittag auch als erste im Tanzraum, wo bereits eine Tanzmaus wartete. Sie begrüsste das kleine Mädchen freundlich und erklärte ihm, was die Tanztherapie darstellte. Zu seiner Enttäuschung erklärte die Tanzmaus dem kleinen Mädchen, dass es hier nicht um grenzenlose Bewegung, sondern vielmehr um die Erfahrung des eigenen Körpers. Das kleine Mädchen hatte das Gefühl, dass all das Positive, das es am Morgen erlebt hatte, wieder für die Katz war. Was sollte denn Körpererfahrung bedeuten? Es hatte zwei Arme, ein normales Bein und ein Bein mit einem Pferdefuß. Dass das weh tat, das konnte sich die Tanzmaus doch denken. Sollte es etwa jetzt sogar anfangen, seinen Pferdefuß weiter zu treiben? Sollte es Trab und Galopp lernen? Nein, nein und nochmals nein! Das wollte es nicht! Aber auch die Tanzmaus liess so einfach nicht nach und erklärte dem kleinen Mädchen, worin der Sinn der Tanztherapie bestand: „Du hast doch bestimmt schon Menschen gesehen, die gebückt durch ihr Leben gehen. Sie erscheinen oft ängstlich. Dahingegen erscheinen uns Menschen mit einem geraden, aufrechten Gang als stark. Ähnlich verhält es sich mit Gesten und anderen Bewegungen, wie beispielsweise der des Atems. Dennoch zählt hier auch noch der Leitsatz „harte Schale, weicher Kern“. Nicht jeder, der stark ist, geht hoch aufgerichtet durchs Leben und nicht jeder, der schwach ist, lässt seine Schultern hängen. Unser Ziel in diesen Stunden wird es sein, dass Du Deinen Körper selbst wieder erfahren wirst. Denn nur, wenn Du Deinen Körper kennst, kannst Du seine Stärken für Dich und Deine Heilung nutzen. Dein Körper soll in Einklang mit Deiner Seele stehen.“.
Das kleine Mädchen schaute verwirrt: „Ich möchte meinen Körper nicht neu erfahren oder kennenlernen. Ich will meinen Pferdefuß nicht akzeptieren und erst recht will ich ihm nicht noch Aufmerksamkeit schenken.“
Die Tanzmaus lächelte wissend: „Du wirst Deinen Pferdefuß nicht wegdenken können, aber willst Du den Rest Deines Körpers darunter leiden lassen, dass Du nur auf Deinen Pferdefuß fixiert bist? Willst Du ihm nicht lieber zeigen, dass Du Dich nicht von ihm beherrschen lassen willst?“.
Da wurde das kleine Mädchen richtig wütend: „Ihr stellt Euch das alle so einfach vor! Glaubt Ihr denn, es sein einfach und schön, so durchs Leben zu gehen? Denkt Ihr denn alle, man müsse nur sein Denken ändern, um den Pferdefuß wegzudenken? Wie soll ich denn meinen verletzten Gefühlen sagen, dass sie aufhören sollen, traurig zu sein, dass ich einen Pferdefuß habe? Könnt Ihr mir das erklären?“. Das kleine Mädchen weinte mittlerweile bitterlich. Überall sah es so aus, als wäre alles so einfach. Aber in ihm drin, da wütete alles weiterhin und nichts erschien ihm einfach oder schnell lösbar. Es wollte am liebsten losrennen, seine Wut hinausschreien und nach Hause gehen, sich den Pferdefuß abhacken und lieber als Krüppel durch die Gegend laufen als den Zustand, in dem es sich jetzt befand, weiter zu erleben. Das war doch alles Humbug und faule Zauberei, darüber hinaus auch noch Zeitverschwendung. Die Tanzmaus erschrak ganz gewaltig, dass das kleine Mädchen so wütend und traurig war. Das hatte sie nicht gewollt. Sie reichte ihm ein Taschentuch, mit dem es seine Tränen wegwischte. Anschließend setzte sie sich zu dem kleinen Mädchen und sprach noch einmal mit ihm: „Niemand zwingt Dich hier, etwas zu tun, was Du nicht willst. Allerdings solltest Du Dir selbst eine Chance geben, indem Du eben Dinge versuchst, die Dir vielleicht fremd erscheinen. Wir alle wissen hier, dass Dir das jetzt gerade, wo Dein Pferdefuß akut gewachsen ist, noch viel schwerer ist als zu Hause in einem gesunden Zustand. Aber der Pferdefuß, das ist eine Krankheit und die kannst nur Du bekämpfen. Wir geben Dir nur Hilfestellungen. Die mögen Dir absolut aus der Luft gegriffen erscheinen, aber auch wenn Du das nicht glauben magst, wir haben schon viele Pferdefüße behandeln können, indem wir so vorgegangen sind.“.
„Das höre ich hier nun immer wieder!“, jammerte das kleine Mädchen. „Ich will aber doch auch mal sehen und spüren, dass sich etwas tut!“.
„Du musst Dich in Geduld üben, kleines Mädchen! Du bist gerade einmal zwei Tage hier. Da kannst Du noch gar nicht viel erreichen! Gleich beginnt die Tanztherapie. Nimm doch daran teil und gib Dir und uns eine echte Chance!“.
Widerwillig gab das Mädchen klein bei, wusch sich die Tränen aus dem Gesicht und gesellte sich zu den anderen Teilnehmern der Gruppe.
Die Stunde begann mit einem Ballspiel. Alle Teilnehmer stellten sich im Kreis auf und warfen einen Ball von einem Teilnehmer zum anderen. Dabei riefen sie stets den Namen desjenigen, dem sie den Ball zuwarfen. Dann liefen alle im Kreis herum. Mal machten sie große Schritte und sich breit, dass jeder um seinen Platz im Raum kämpfte, mal machten sie sich ganz klein, dass der Raum viel größer wirkte und es viel länger dauerte, bis er durchquert war. Es stimmte, was die Tanzmaus gesagt hatte. Allein schon durch bewusste Bewegungen wirkte das kleine Mädchen größer und sicherer oder auch kleiner und schüchtern.
Den zweiten Teil der Stunde verbrachte die Gruppe mit der Konzentration auf die verschiedenen Körperteile. Dabei lagen die Teilnehmer auf dem Rücken und spürten bewusst die Auflagenflächen ihrer Körperteile. Das kleine Mädchen mochte seinen Körper nicht und musste wieder weinen. Zum Abschluss spürten alle den Fluss des Atems in die Lungen und hinaus. Auf viele der Teilnehmer wirkte das entspannend, leider nicht auf das kleine Mädchen. Es erschrak, denn wenn es sich auf seinen Atem konzentrierte, glaubte es, das Atmen zu vergessen. Es war keine Selbstverständlichkeit mehr, und das war sehr erschreckend. Schließlich war das kleine Mädchen froh, als die Stunde zu Ende war. Die Gruppe saß noch zusammen und jeder sagte seine Meinung zu der Stunde. Die meisten konnten wunderbar entspannen, der ein oder andere empfand das alles als Blödsinn, und das kleine Mädchen weinte weiterhin. Es war froh, dass schließlich alles vorbei war, schnappte sich seine Jacke und wanderte ein wenig durch den dunklen, dunklen Wald. Das kleine Mädchen wollte alleine sein und niemanden an seinen Tränen oder an seinen Gedanken teilhaben lassen. Irgendwann begann es schließlich, sich für seine Tränen zu schämen. War das nicht peinlich, dass es sich da so angestellt hatte?
Schließlich ging es zurück zu der Lichtung Rumpel Stilzchens und wollte zu seiner Hängematte, da kam ein kleines Helferlein mit knallroten Haaren angelaufen und fragte das kleine Mädchen, ob es ihm nun besser ginge. Überrascht sah das kleine Mädchen zu dem Helferlein. Woher wusste das Helferlein denn Bescheid? Sprach sich die Peinlichkeit des Tränenausbruchs etwa so schnell rum? Eigentlich wollte das kleine Mädchen so schnell wie möglich in seine Hängematte, aber das kleine Helferlein mit den knallroten Haaren liess nicht locker und sprach mit dem kleinen Mädchen darüber, was geschehen war.
„Ich fühlte mich so schrecklich!“, versuchte das kleine Mädchen zu beschreiben, was in ihm los war. „Ich hatte das Gefühl, dass ich alles an mir nicht mehr wahrgenommen habe und nichts an mir zusammenpasst!“
Das kleine Helferlein mit den knallroten Haaren nickte verständnisvoll und fragte das kleine Mädchen, ob es sich denn vielleicht vorstellen könnte, dass es so nicht langsam wieder sein Körpergefühl erreichen könnte.
„Das kann ich nicht! Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich jetzt auch noch ein Körpergefühl wieder bekommen soll. Ich weiss doch erst seit der letzten Stunde, dass ich keins mehr habe. Was kommt als nächstes? Was fehlt mir denn noch?“.
Das kleine Helferlein mit den knallroten Haaren spürte wohl, dass das kleine Mädchen an diesem Tag am Ende seiner Kräfte war und brachte es zu seiner Hängematte, wo es den Rest des Tages und den Abend damit verbrachte, sich wieder ein wenig zu beruhigen. In der Nacht schlief das kleine Mädchen tief und fest, so tief, dass es noch nicht einmal merkte, dass ein kleines Helferlein mehrmals in der Nacht bei seiner Hängematte vorbeischaute. Das war mehr Geborgenheit, als es bisher je erfahren hatte.
Am kommenden Morgen fühlte sich das kleine Mädchen wie gerädert, aber es ging tapfer zum Frühstück, wo es am Tisch fragte, ob sich sein Tränenausbruch so schnell rumgesprochen hatte. Seine Mitpatienten lächelten wissend und sagten nur: „Die Helferlein wissen alles über Dich. Du wirst den ganzen Tag beobachtet und wenn sie mit Dir reden, dann halten sie das in Deinem persönlichen Buch fest, das jeder nachlesen kann!“. Da erschrak das kleine Mädchen. Was sollte das heissen, dass die Helferlein alles wussten? Es musste dringend mit Frau Dr. Rotwild reden. Das war doch bestimmt nicht erlaubt, oder? Es wollte nicht unter der Dusche beobachtet werden oder belauscht, wenn es mit jemandem redete.
Zum Glück war an diesem Morgen die so genannte Visite. Da saßen alle Ärzte, der Eisbär Herbert und eins der kleinen Helferlein zusammen, um sich klar zu machen, wie es dem kleinen Mädchen bislang ging.
Zum ersten Mal sah das kleine Mädchen alle Ärzte in einem Raum. Da saß Frau Dr. Rotwild, die Chefärztin, neben ihr Oberarzt Dr. Eichhörnchen und die Stationsärzte Dr. Hirsch und Dr. Spitzmaus.
Dr. Eichhörnchen war ein strenger Arzt, der aber sehr nett war und sich der Gemeinschaft auf der Lichtung anpasste. Nur wenn es darum ging, Regeln nicht zu befolgen, konnte er schon böse werden. Manchen hielt er einen Spiegel vor und drückte am Pferdefuß rum. Manche fanden so wieder auf ihren Weg zurück, andere fanden, dass sie das Drücken nicht verdient hätten und Dr. Eichhörnchen ihnen damit nur schadete. So kam es, dass Dr. Eichhörnchen entweder sehr geschätzt oder mit sehr großer Vorsicht unter den Patienten genossen wurde.
Dr. Hirsch saß auf der Stuhllehne und schaute majestätisch in die Runde. Das kleine Mädchen sah ihn stets nur bei den Visiten, ansonsten war ihm dieser Arzt vollkommen fremd. Ähnlich verhielt es sich mit Dr. Spitzmaus. Das kleine Mädchen sollte sie zwar noch in der Entspannung kennenlernen, aber ansonsten traf es sie nur in der Visite. Das Helferlein heute in der Visite war die Leitung der ganzen Helferlein, ein kleine Hasenfrau. Sie musste sich nicht nur um die Patienten kümmern, sondern sorgte auch stets dafür, dass alles, was benötigt wurde, auch beschaffen wurde. Das fing bei den Plänen für die Helferlein an, damit die auch wussten, wann sie auf der Lichtung sein mussten, über die vielen verschiedenen Salben für die Pferdefüße bis hin zu Reisen weg von der Lichtung, wenn die Patienten zu anderen Ärzten mussten. Die anderen Helferlein unterstützen die kleine Hasenfrau zwar bei allem, aber sie kontrollierte das alles noch einmal und vergab die ganzen Aufgaben. In dieser Runde fühlte sich das kleine Mädchen etwas unwohl. Es hatte das Gefühl, dass alle Ärzte, der Eisbär Herbert und das Helferlein Hasenfrau es beobachten und es nun eine Prüfung bestehen musste. So ein Komitee hatte es schon seit ziemlich langer Zeit nicht mehr vor sich sitzen gesehen. Frau Dr. Rotwild begann mit dem Gespräch und alle anderen Teilnehmer beobachteten das kleine Mädchen. Ob da wohl seine Antworten bewertet wurden und seine Gesten ein Nichtwissen verrieten? Etwas nervös beantwortete das kleine Mädchen die Frage, wie es ihm denn ginge. „Ich weiss noch nicht so genau, wie es mir geht. Das hier ist alles so viel und ich weiss gar nicht, wie mir hier etwas bei einem Pferdefuß hilft. Ich bin schon seit drei Tagen hier und mein Pferdefuß ist immer noch schneeweiss und das Auftreten tut mir weh und er verändert sich überhaupt nicht. Und jeder sagt mir, dass ich geduldig sein soll. Wie lange muss ich denn geduldig sein?“.
Frau Dr. Rotwild sah das kleine Mädchen an: „Liebes kleines Mädchen, Geduld ist eine Tugend. Das heisst, Du musst versuchen, dass die Geduld ein Teil von Dir wird. Sie ist was Gutes, Du darfst Dich nicht davor fürchten und Du musst sie annehmen. Dein Pferdefuß wird nicht von heute auf morgen verschwinden. Aber Geduld, sie ist Medizin. Kannst Du das verstehen, kleines Mädchen?“.
„Verstehen kann ich das schon, aber es gelingt mir nicht. Ich werde nervös, ich komme mir vor, als müsste ich nur warten, warten, warten. Das ist keine Geduld, die ich da fühle, das ist einfach nur warten. Das kann doch nicht sein!“.
„Auch diesen Unterschied musst Du lernen, kleines Mädchen. Man wartet auf ein bestimmtes Ereignis und unternimmt nichts, und irgendwann, dann ist das Ereignis da. Aber in Geduld übst Du Dich, wenn Du mitarbeitest, dass ein Ereignis eintritt. Du bist ein wesentlicher Bestandteil, dass Dein Pferdefuß ausheilt. Es gibt auch noch zwei andere Begriffe, über den Du Dir klar werden musst: Effizienz und Effektivität. Bei der Effizienz, da versuchst Du etwas immer wieder und immer auf die gleiche Art und Weise. Bei der Effektivität, da suchst Du nach einer Lösung, indem Du Deine Vorgehensweise überdenkst und darüber nachdenkst. Es ist wie bei einer Fliege, die in ein Zimmer geflogen ist und nun wieder den Weg nach draussen sucht. Das hast Du bestimmt schon einmal beobachtet: Es gibt Fliegen, die fliegen immer wieder mit Anlauf gegen die Scheibe, diese Fliegen handeln effizient. Aber Fliegen, die beim ersten Mal gegen die Scheibe fliegen und dann aber ein paar Zentimeter daneben noch einmal ansetzen und so nach draussen in die Freiheit fliegen, die handeln effektiv. Und genau diesen Mittelweg musst Du für Dich finden, kleines Mädchen. Du musst geduldig sein und effektiv handeln. Und Du kannst das, kleines Mädchen! Du musst Dir darüber bewusst werden, dass Du nur so Dein Ziel erreichst!“.
Jetzt war das kleine Mädchen ein wenig verwirrt. Geduld und Effektivität? Das sollte es verbinden? Verwirrt schaute das kleine Mädchen Frau Dr. Rotwild an.
„Was kann ich tun, damit ich das lerne?“.
„Denk doch einmal darüber nach, was Du erreichen willst und wie Dir da die ganzen Therapien helfen können. Morgen ist Wochenende, da hast Du dann viel Zeit dazu. Und nächste Woche, da unterhalten wir uns noch einmal darüber. Aber jetzt ziehst Du noch schnell Dein Klötzchen, damit Du weißt, an welchem Baumstamm Du nun für eine Woche sitzen wirst und dann wünsche ich Dir ein schönes und nachdenkliches Wochenende!“.
Das kleine Mädchen griff in einen Beutel, den ihr das kleine Helferlein Hasenfrau hinhielt und merkte sich die Farbe, damit es am Mittag am richtigen Tisch saß.
Von der Visite aus ging das kleine Mädchen zur Ergoecke, wo der nette Biber war. Heute konnte es nicht mit Ton arbeiten, hatte aber viele andere Materialien zur Auswahl. Es entschied sich, etwas Schönes aus Holz zu bauen. Das war ganz schön viel Arbeit. Zuerst musste es die Vorlagen suchen, damit es auch nichts falsch machte. Diese übertrug es dann vorsichtig auf eine Holzplatte. Das dauerte länger als erwartet. Am Ende des Morgens hatte es diese Arbeit beendet und räumte die Holzplatte weg. Schließlich ging es neugierig zu den Baumstämmen, an denen es das Essen gab, um zu sehen, mit wem es am Tisch saß.
Nach dem Mittagessen ging das kleine Mädchen zu seiner Hängematte und dachte darüber nach, was Frau Dr. Rotwild zu ihm gesagt hatte. Geduld und Effektivität? Wie sollte das zusammenpassen? Allzu viel Zeit blieb dem kleinen Mädchen nicht. Denn schon stand eine Wanderung durch den dunklen, dunklen Wald an. Angeführt wurde die Gruppe vom Wanderfalken. Er kümmerte sich um alles, was mit der körperlichen Gesundheit zu tun hatte. Bei ihm konnte man schöne Bäder nehmen, er massierte einen und machte morgens mit allen zusammen Frühgymnastik. Dem kleinen Mädchen war nicht so sehr nach Bewegung. Aber trotzdem schloss es sich der Wandergruppe an. Strammen Schrittes ging es los, der Wanderfalke vorneweg. Zum ersten Mal sah das kleine Mädchen mehr vom dunklen, dunklen Wald als die Lichtung von Rumpels Stilzchen. Da waren große Bäume, kleine Bäume, Bäume, die blühten, Bäume, die nur Nadeln trugen. Sie kamen an vielen Lichtungen vorbei, einige waren für Fuchs und Hase reserviert, auf anderen standen Rehe und Hirsche. Es gab so viel zu sehen. Der dunkle, dunkle Wald war gar nicht so dunkel und bedrohlich, ganz im Gegenteil, er lud dazu ein, sich wohlzufühlen. Hätte das Mädchen mehr Zeit gehabt, die schönen Stellen zu genießen, hätte ihm die Wanderung bestimmt mehr Spaß gemacht. So aber sprachen alle nur von dem Kuchen, den es immer nach der Wanderung gab. Wenn die Gruppe einmal müde war und nicht mehr weiter konnte und wollte, erzählte der Wanderfalke, welchen Kuchen es geben würde und schon ging es wieder weiter. Irgendwann ging jede Wanderung einmal zu Ende und nach dem Kuchen stand nur noch ein Termin auf dem Programm, bevor die Woche zu Ende war.
Der Gesundheitsvortrag war die einzige Veranstaltung in der Woche, bei dem die Patienten einfach alle nur zuhörten. Manchmal sprach ein Arzt über ein Thema, manchmal auch ein Mensch von der Kirche. Das kleine Mädchen war froh, zu wissen, dass es danach nirgends mehr hin musste, sondern endlich nur in seiner Hängematte liegen konnte. Es hörte nur mit einem Ohr hin. Schließlich musste es nur noch zum gemeinsamen Abendessen und dann war die Woche endlich zu Ende.
Am Abend war das kleine Mädchen sehr müde und so schlief es lange in dieser Nacht. Es erwachte sehr früh am kommenden Morgen und beschloss, den Tag trotzdem nur in seiner Hängematte zu verbringen. Auf keinen Fall wollte es nach draussen oder gar mit einigen anderen zu einer anderen Lichtung fahren. Es war lieber allein und dachte immer wieder über die Geduld und Effektivität nach.
Nach einer Weile kam das fleissige Bienchen angeflogen und summte um das kleine Mädchen rum: „Kleines Mädchen, wir beiden müssen uns noch mal über Deine Ziele reden, was Du hier erreichen willst. Dazu stellen wir einmal fest, wie es Dir im Moment geht. Wie Du Dich fühlst und wie Du zurecht kommst. Dann schauen wir uns an, was Dich alles beeinträchtigt und was Du noch tun kannst, um das alles zu bekämpfen. Dann schauen wir uns noch einmal alles an, bevor Du die Lichtung Rumpel Stilzchens verlässt. Du wirst sehen, was sich bis dahin geändert hat und Du wirst bestimmt positiv überrascht sein! Außerdem müssen wir das hier auf der Lichtung auf vielen Blättern festhalten, weil wir diese denjenigen geben müssen, die Dich hierher geschickt haben. Damit können diese sich ein Bild über unsere Arbeit machen!“.
Das kleine Mädchen wusste nicht, was es dazu sagen sollte. Es hatte einen Pferdefuß! War das so schwer zu verstehen? Deshalb ging es ihm so schlecht. Und es konnte nichts tun dagegen. Es hatte doch schon alles probiert. Das kleine Mädchen merkte, dass es wütend wurde. Schon wieder so ein Schreibkrams, der ihm nicht helfen würde. Nichtsdestotrotz gehorchte es. Wie immer, wenn ihm jemand helfen wollte. Es wollte ja auch niemanden enttäuschen.
Das fleissige Bienchen summte vorneweg zu den Baumstämmen, wo sich die Helferlein immer aufhielten, wenn sie sich nicht gerade den vielen anderen Aufgaben auf der Lichtung zuwendeten. Dort machte es sich das kleine Mädchen auf einem Baumstumpf gemütlich. Das fleissige Bienchen nahm einige Blätter hervor und zeigte dem kleinen Mädchen zuerst einmal eine Art Diagramm. Dort sollte es auf einer Skala von 1 bis 10 festhalten, wie es um sein Wohlergehen bestimmt war und außerdem, wie gut es in seinem Leben zurechtkam. Das hiess in dem Diagramm Selbstständigkeit. Das kleine Mädchen machte die Kreuze bei sehr niedrigen Zahlen, dadurch entstand ein kleines Rechteck im Diagramm, das das fleissige Bienchen direkt schraffierte. Die Fläche war ziemlich klein. Dann fragte das fleissige Bienchen, was für das kleine Mädchen denn ein Ziel des Lichtungsaufenthalts sein würde.
„Ich möchte meinen Pferdefuß loswerden und wieder normal am Leben teilnehmen!“.
„Was kannst Du denn dafür tun, dass Du Deinen Pferdefuß loswirst?“.
„Ich habe schon so vieles probiert, es hilft nichts!“.
„Kleines Mädchen, hast Du schon den Unterschied zwischen Effizienz und Effektivität gelernt?“.
„Heute morgen hat es mir Frau Dr. Rotwild erklärt. Warum fragst Du mich das?“.
„Sieh mal, kleines Mädchen. Du bist nur dabei, alles zu hinterfragen und ziehst Dich nur zurück. Das mag ein Bedürfnis von Dir sein und Du glaubst vielleicht, wenn Du Antworten auf Deine Fragen findest, wirst Du gesund. Du ruhst Dich aus, weil Du glaubst, dass Du müde bist und dass Du diese Ruhe brauchst. Du drehst Dich im Kreis. Das ist, als seist Du eine Fliege, die immer wieder gegen das Fenster fliegt, in der Hoffnung, dass sie endlich durchkommt. Erkennst Du ein Muster?“.
Das kleine Mädchen dachte einen Moment nach.
„Du meinst also, ich handele effizient, aber nicht effektiv, weil ich versuche zu verstehen, ohne die Erfahrungen praktisch gemacht zu haben?“.
„Hast Du denn hier schon mal etwas ohne den Gedanken nach dem Sinn unternommen?“
„Ich habe in der Ergoecke aus Ton eine Kugel geformt. Sie ist sehr schön geworden. Und beim Wandern habe ich schöne Lichtungen gesehen, und dass der dunkle, dunkle Wald gar nicht so dunkel ist.“
„Kleines Mädchen, wie war diese Erfahrung für Dich? Denk mal in Ruhe drüber nach!“. Das fleissige Bienchen summte lächelnd am kleinen Mädchen vorbei und streifte es zart mit seinen Flügelchen.
Das kleine Mädchen ging zurück zu seiner Hängematte und dachte nach. Handelte es wirklich nur effizient? Die Kugel in der Ergoecke hatte es einfach so mit seinen Händen geformt. Sie hatte eigentlich genauer betrachtet keinen Sinn. Ob da nun eine Kugel lag oder ob es eine Platte ausgerollt hätte. Es hatte einfach nur mit Ton gearbeitet. Die Zeit war verflogen, ohne dass es sich Gedanken gemacht hatte, was es ihm nutzt.
„Hm...“, dachte das kleine Mädchen, „aber wie kann ich an alles so unbefangen rangehen? Kann ich das tatsächlich üben?“.
Das kleine Mädchen dachte eine ganze Weile darüber nach und plötzlich hatte es verstanden: „Es musste alles so oft versuchen, bis es ihm endgültig gelang, daraus einen Nutzen zu ziehen. Das war es sich einfach schuldig. Nur indem es das für sich versuchte, konnte lernen, mit seinem Pferdefuß zu leben oder ihn loszukriegen. Das war die Lektion, die man es versuchte zu lehren: Mit seinen Versuchen, sich auf all das einzulassen, war es effizient. Es würde vermutlich noch des Öfteren gegen die bildliche Scheibe fliegen, aber irgendwann würde es den Weg durch das offene Fenster finden. Zufrieden betrachtete es seinen Pferdefuß. Zum ersten Mal empfand es so etwas wie Kampfeswillen. Den wollte es nutzen! Ab sofort!
Zufrieden verbrachte das kleine Mädchen das Wochenende auf der Lichtung, spielte gar mit den anderen und konnte es kaum erwarten, dass es Montag wurde, der Tag, an dem es seinen Kampfeswillen erproben wollte.
Am Montag morgen eilte es nach dem Frühstück direkt los zur Ergoecke, wo der nette Biber, das Vögelchen und der kleine Fuchs auf alle warteten, die heute morgen in der Ergoecke etwas erschaffen wollten. Das kleine Mädchen legte sofort los. Am liebsten hätte es alle über den Haufen gerannt. Der kleine Fuchs zeigte ihm die Säge, das Vögelchen, wie man schraubte und das kleine Mädchen malte wie ein wild gewordenes Kind, das mit Farbe um sich warf. Sein Ergebnis war ein wunderschöner Engel aus Holz. Es war sehr stolz auf sich und konnte sich gar nicht satt daran sehen. Ja, an diesem Morgen konnte das kleine Mädchen für sich sagen, dass es effektiv gehandelt hatte.
Motiviert machte es sich am Nachmittag auf den Weg zur Gruppe, in der die Pferdefüße besprochen wurden. Gemeinsam konnte man sich vielleicht Kraft geben oder wenigstens das Gefühl bekommen, dass man nicht unendlich allein mit seinem Fuß ist.
Herein kam der Dr. Eichhörnchen, ein stolzes Tier, das aber auch richtig böse werden konnte, wenn jemand aus der Reihe tanzte. An diesem Tag sprachen einige über ihre Angst vor der ewigen Last des Pferdefußes. Das kleine Mädchen wurde sehr, sehr traurig. So viele Menschen, die auch Probleme hatten. Alle hatten einen Pferdefuß, manche waren groß, andere klein. Es hatte sich zwar seit seiner Ankunft auf der Lichtung an den Anblick der Pferdefüße gewöhnt, aber jetzt die Geschichten zu hören, die dahinter steckten, machten das kleine Mädchen nervös. Bedrückt verliess es die Gruppe am Ende und gestand sich hier nur ein, dass es nächste Woche wieder hinging und so vielleicht nicht nur bedrückt, sondern auch erleichtert sein konnte. Das war sein Ziel. Heute war es vielleicht lediglich effizient, aber sein Ziel verlor es nicht auch den Augen.
Langsam vergingen die Tage. An manchen war das kleine Mädchen voller Zuversicht, an anderen war es vollkommen verzweifelt. Mit der Zeit wurden auch seine Kontakte zu den anderen Patienten auf der Lichtung reger. Gemeinsam spielten sie Brettspiele, Tischtennis oder belagerten den Kicker. Es entstanden Freundschaften und man lachte bisweilen sogar gemeinsam. Das kleine Mädchen fühlte sich zusehends besser. Es wusste, der Weg war lang und steinig, aber es musste ihn einfach gehen.
Trotz seiner Anstrengung konnte es nicht mit allen Therapien klarkommen. Manchmal tat es ihm leid. So war es für das kleine Mädchen trotz seiner unendlichen Anstrengung unmöglich, sich auf die Therapie der Tanzmaus einzulassen. Es mochte sie, ja, aber es konnte sich nicht darauf einlassen, sich auf seine Körperglieder zu konzentrieren. So sprach es darüber mit Frau Dr. Rotwild. Diese Therapie war nichts für das kleine Mädchen, auch wenn es noch so viel Effizienz an den Tag legte, effektiv würde es in dieser Therapie nichts erreichen. Schließlich erkannte auch Frau Dr. Rotwild, dass das kleine Mädchen auf diese Therapie verzichten sollte.
Interessanter fand es dagegen die Malstunden bei dem netten Biber. Ein Thema wurde genannt und jeder malte einfach drauf los. Das kleine Mädchen hatte immer einen Gedanken zu diesen Bildern. Manchmal waren die Gedanken düster, düsterer als der dunkle, dunkle Wald. Aber andere konnten seinen Gedanken doch von Zeit zu Zeit einen Sonnenstrahl schenken. Licht, das das kleine Mädchen in den düsteren Bildern nicht mehr sah. Es dachte oft über die Bilder nach.
Auch in den Gesprächen mit Frau Dr. Rotwild waren Bilder ein wesentlicher Bestandteil geworden. Ebenso wie das Schreiben von fiktiven Briefen. Das kleine Mädchen gab sich viel Mühe. Je länger es auf der Lichtung war, desto geduldiger wurde es. Es lernte mit der Zeit auch zu vertrauen.
Trotzdem stürzte das kleine Mädchen an einem Tag plötzlich in ein tiefes Loch. „Klinikkoller“ nannten das die anderen Patienten. Angeblich erwischte es jeden Mal in den langen Wochen auf der Lichtung. Alles erschien dem kleinen Mädchen so sinnlos. Sein Pferdefuß war weiter weiss und unförmig. Es war sehr traurig und ging zu den Helferlein. Dort traf es das fleissige Bienchen, das ihm wie immer Mut zusprach: „Kleines Mädchen, hast Du wirklich hier noch nichts erreicht? Was ist mit Deinem Engel, der schönen Kugel und der Tatsache, dass Du mittlerweile nicht mehr nur in der Hängematte liegst?“.
Das kleine Mädchen verdrehte innerlich die Augen: „Was soll denn eine Kugel aus Ton, wenn ich meinen Pferdefuß nicht loswerde?“.
Alles erschien ihm für die Katz. Das Gespräch half ihm gar nicht weiter. Es weinte den ganzen Tag und fühlte sich schlechter denn je. Das Gefühl in ihm war am Boden, es fühlte nur noch reine Verzweiflung. Es wollte kämpfen, aber es gelang ihm nicht.
Die Tage vergingen und langsam fand das Mädchen zu altem Kampfgeist zurück. Im Rückblick erschien es dem Mädchen gar nicht so schlimm, was seinen Absturz anging.
Es machte weiter, mehr blieb ihm auch gar nicht möglich. Das kleine Mädchen kämpfte. Mit Effizienz, Effektivität und Geduld konnte es nur siegen.
Eines Tages beobachtete es am Morgen, als es im Bad war, dass die weissen Haare sich langsam zurückbildeten. War das denn möglich? Das kleine Mädchen jubilierte innerlich. Jeden Morgen betrachtete es die Veränderung, und jeden Morgen wurde es ein Stückchen besser. Irgendwann war nur noch der gespaltene Paarhuf zu sehen, aber den konnte es in den Schuhen verstecken. Langsam merkte es, dass es sich einem normalem Leben zuwendete. Die Zeit auf der Lichtung ging zu Ende.
Es dauerte nun nicht mehr allzu lange, dass das kleine Mädchen mit Frau Dr. Rotwild darüber sprach, wann es denn nach Hause könne. Noch eine Woche blieb ihm, um sich auf zu Hause vorzubereiten. Das kleine Mädchen ging in sich. Es dachte noch einmal über alle nach, die es auf seinem Genesungsweg professionell begleiten hatten.
Eine Woche später galt es dann Abschied nehmen. Eigentlich sollte das kleine Mädchen froh sein, nach Hause zu kommen, hatte es sich doch seit Wochen darauf gefreut. Aber nun wollte es bleiben. Es tat ihm so leid, so viele Freunde zurückzulassen. Die Lichtung mit allen, die dort halfen, war sein Zuhause geworden. Aber trotzdem musste es gehen.
Der Abschied fiel ihm sichtlich schwer. Aber es hatte die Wegbeschreibung noch in seiner Tasche. Eines Tages würde es wiederkommen, als Besucher, nicht als Patient. Sein Pferdefuß war nicht ganz verschwunden, aber das war nicht schlimm. Es fühlte sich einfach wohl.
Das kleine Mädchen verabschiedete sich von allen. Bei manchen liefen Tränen, anderen schüttelte es nur die Hand. Als Letztes ging es in die Ergoecke und verabschiedete sich auch dort mit kleinen glitzernden Tränen im Auge. Es hatte alle ins Herz geschlossen, aber nun hiess es Abschied nehmen. Das kleine Mädchen nahm seine Tasche, ging schließlich langsam an den Rand der Lichtung. Es drehte sich noch einmal rum, winkte allen, die dort standen, und dann machte es sich auf den Weg heraus aus dem dunklen, dunklen Wald in die Wirklichkeit zurück, der es mit großer Neugierde entgegenschaute.
Ende