HerMajesty

"Beat Express""

Jetzt rücken diese Wände schon wieder von dir ab, so dass dir für dein Hobby, die grobe Beleidigung, nur noch das Mobilar zur Verfügung steht.

"Sessel“, sagst du, "halt's Maul!“

Ein Raunen geht durch die Stuhlrunde am Tisch, der Schrank ächzt. Ohne Notwendigkeit schniefend kauert der Kater auf dem Plattenspieler und poliert flink aber gründlich seinen Heiligenschein.

Als die Wände sich klammheimlich aus dem Staub machen, lässt du sie gewähren und baust dir neue aus Bässen und Schande. Eine Wand an die andere, bis es dir zu eng wird, und du aus dem Haus stürzen musst.

Du nimmst den Weg durch ein Fenster, denn vor der Tür steht in grauen Unterhosen dein Nachbar. Schimmel unter den Fußnägeln, und klingelt und schreit, einen Ellbogen erhoben lehnt er am Türrahmen und reckt sein Achselhaar, milchige Schweißtropfen an den Spitzen, dem Guckloch entgegen.

 

Bis die Tram kommt, hastest du vor der Haltestelle dreimal die Strecke, die du fahrend zurücklegen willst, auf und ab, boxt Schatten und sagst allen Menschen alles, was du zu sagen hast. Ein Spritter aus dem Seniorenheim behält dich im Auge und wartet darauf, dass die Kippe, die du zwischen Fingern und Gesicht hältst, zu Boden fällt und er sich mit verbittertem Hechtsprung auf sie stürzen kann, für zwei hechelnde Züge, die du ihm nicht gönnst.

"Du stinkst“, sagst du zur Tram, "und ich kenne Leute, die lieber zehn Millionen Kilometer auf Knien in die Hölle kriechen würden, als auch nur eine Station mit dir in den Himmel zu fahren."

"Der Typ hinter dir hat Kopfläuse", sagt die Tram, "die Fahrgäste hassen dich, die LVB hasst dich. Das Arbeitsamt, die Stadtwerke, die Wohnungsbaugesellschaft, alle Kneipenwirte, Ärzte, Bibliothekarinnen, Kassiererinnen verachten dich."

 

"Steh mir nicht im Weg rum", sagst du zu deiner Arbeit. Im Hintergrund feixt der Chef im Verein mir Fräulein Fritte, die Blasen auf deine Hand lacht. Du lachst auch, aber mehr so dahin, und hast Angst, zu erkennen, worüber. Um Abstand zu gewinnen, spielst du dich selbst nach. Dann spielst du die anderen nach, wie sie dich nachspielen.

„Geh weg“, sagst du der Arbeit, aber die antwortet nicht, weil sie nicht mehr weiß, mit wem sie es zu tun hat und welche Sprache du sprichst. Du lässt dich nicht provozieren und bleibst stur. Darauf einigt man sich, alle sind jetzt stur. Besonders das Würzfleisch und die Deppen.

Du versuchst noch, irgendwie den Schädel in ein Regal zu knallen, um für den Feierabend wieder klar zu werden, es will dir nicht gelingen. Ganz Diva, legst du eine Kehrtwende hin, drehst den Spieß um und knallst dir nun eben trotzig ein Flaschenregal in den Kopf und bastelst dir aus einem Frittenkarton eine Schweizerkäse-Maske.

 

Am Tresen die Psychiatrieschwesternfraktion sieht unbescheiden über deinen Fall hinweg.

„Sich aus einem Karton eine Schweizerkäse-Maske zu basteln“, sagen sie, „auf die Idee muss man erst mal kommen.“

Letzte Woche hast du bei Plus Raketenwerfer im Sonderangebot gesehen, aber du bist nicht in der richtigen Stimmung gewesen und hattest auch keinen Bock auf die Schlepperei.

Bei diesem Gedanken nickst du und kommst ums Verrecken nicht drauf, aus welchem der 23 Paralleluniversen, in die dir die Löcher Ausblick gewähren, das Gift zu dir kommt. Man kann sich auch durch die Nase betrinken, aber es ist besser, wenn man dabei einen Karton um den Kopf hat.

 

Irgendwann, der Raketenwerfer geht dir nicht aus dem Kopf, geht der Karton in Flammen auf, weil du versuchst, mit beiden Ohren gleichzeitig zu rauchen.

Mit soviel Asche auf dem Haupt, einigt sich das Service-Personal, könne man dich kaum sanktionieren. Allenfalls löschen.

Die Psychiatrieschwestern hingegen bilden rasch eine Delegation und bringen dir unbescheiden wie stets, doch ekelerregend formlos ihr unzweideutiges Mitleid dar.

„Ich weiß, dass ihr meine Gedanken lesen könnt“, sagst du, „aber ihr versteht sie ganz falsch. Ich kann eure auch lesen und sage euch: was ihr denkt ist ein Affront gegen meine Intelligenz.“

So wirst du zum Abschluss und zu deinem großen Leidwesen regelrecht leutselig.

 

In Misstrauen erweckender Eintracht präsentieren sich Kater und Sessel struppig und wortkarg. Anstatt dir die gebotene Aufmerksamkeit zu widmen, zieht man es unverhohlen vor, einem in seinem zerbrochenen Topf am Boden hinscheidenden und mit des Katers Heiligenschein bestückten Kaktus zu huldigen. Die Wände kommen dir ohne Vertrauen ungewohnt nah und als du im Bett nur feuchte Augen bekommst, lässt dich auch noch das Kopfkissen im Stich.

Jedoch die Wände nehmen in all ihrer leidgeprüften Tapferkeit die alten Plätze ein und geben sich versöhnlich, indem sie dir ihre grässlichsten Grimassen zeigen und zischend in den Schlaf wispern. Vor lauter Erdulden verpasst du die Gelegenheit, dem mürrischen Gehabe zur rechten Zeit Einhalt zu gebieten und wirst einmal mehr Zeuge, wie die Herrschaften sich beschwingt einem sinnverspannten Wanken hingeben, bis Raum und Zeit restlos verbraucht sind, und du in Einzelteile zerlegt endlich dazu kommst, die Frage vor deine Augen zu schieben, ob eigentlich dein Atem noch zu dir hält.

 

Du gibst dir mit dem Brief der Hausverwaltung alle Mühe. Dann beantwortest du ihn vage betroffen, Schenkel klopfend empört und leicht wirr. Den Brief deiner Widersacher hängst du als Lehrbeispiel für die Nachbarn ans schwarze Brett ins Treppenhaus, während hinter einer weißlackierten Tür die Nachbarn ihr brüllendes Baby nachäffen.

Beglückt baust du dir aus coolen Beats ein warmes Nest in deiner blinden Wut und versuchst, mit einem toten Kaktus im Arsch irgendwie mit irgendwas Frieden zu schließen.

 

Wie du nur auf die bescheuerte Idee kommen kannst, die Schwimmhalle biete die richtige Location für die Umsetzung deines hehren Vorsatzes! Das entzieht sich all deinen Einblicken.

Es fängt damit an, dass man deinem Kater den Zutritt verwehren will. Das durch und durch egozentrische Tier fällt dir in den Rücken und nickt zu den Argumenten der Gegenseite bedächtig mit dem Kopf. Die führt den Disput vor allem mit klappernden Ohrgehängen und sagt: „Katzen sind wasserscheu und für eine Schwimmhalle diesen hygienischen Standards zu reinlich.“

„Aber die Damenumkleide stinkt nach Fisch“, sagst du, blickst den Worten nach, wie sie unter der Decke im Echo des Plätscherns aus der Halle wie betrunkene Mücken untergehen.

Schließlich rückt der Kater auch noch mit der Neuigkeit heraus, er wäre gar nicht mit von der Partie, sondern sitze zu Hause auf einer Scheibe Brot und beobachte seine leeren Fressnäpfe. Das kann dich nur unzureichend beruhigen. Du verpasst ihm die Strafarbeit, mit spitzen Krallen auf dem PVC-Laminatimitat einen monoton hektischen Beat ins morsche Gehölz der Nachbarhirne zu tickern. Derweil du dir mühsam doch beflissen eine Bahn durch die trübe Mischung aus nassem Wasser und knittrigen Bleichleibern kratzt, straff aufheulend bei jeder Wende, im Krieg, in Badebekleidung, eine entstellende Mütze aufs Haar geklemmt.

 

„Aber wenn ich mir wieder einen löchrigen Karton aufsetze“, sagst du zur Dusche, während zwei Mädchen kichernd deine Schwarten beäugen, „stochern sie doch wieder alle mit den Fingern hinein, weil sie glauben, an den Haaren etwas herausziehen zu können. Und wenn sie dann über mein mageres Seufzen enttäuscht sind, werden sie sagen: Gib dich hin, gib dich irgendwohin, wir sehen dir dabei zu.“

Eine weißlackierte Tür solltest du dir vor den Kopf nageln, sinnst du, und dahinter deine Gedanken nachäffen oder die Welt.

Als der Bademeister kommt und dir das Wasser abdreht, sagt dein Mund: „Nee, die gab’s letzte Woche, die Raketenwerfer bei Plus im Sonderangebot. Diese Woche haben sie Überwachungskameraattrappen mit Bewegungsmelder für Siebenneunundneunzig.“

 

Bis du zu Hause ankommst, sind deine Haare nicht trocken, aber es ist Herbst geworden. Von goldenem Licht in goldenen Bäumen mit goldenen Gesichtern wird dir ganz schlecht.

Seitdem trägst du Filtertüten als Hut und kuckst nur noch Schwarzweißfernsehen. Am liebsten die Aufzeichnungen vergangener Schachweltmeisterschaften.

 

Bieg dem Kater einen Heiligenschein aus Blei, mit dem Sessel red kein Wort mehr! Mach dem Nachbarn eine Freude, dem dreckigen Drecksarschloch: für den ersten Geburtstag des Babys bereite einen Holzschuhplattler vor. Um dem täglichen Training mehr eskapistischen Esprit zu verleihen, setz dir zum Tanz eine grün gefärbte Filtertüte auf den Kopf und fülle dir diesen gewissenhaft und um Verluste nicht besorgt, mit Slibowitz.

 

Den Wänden geht’s gut. Sie haben dich verlassen und umsegeln jahrelang die Welt. Gestern erreichte dich eine Postkarte aus Rio. Sie vermissen dich, schrieben sie dir augenzwinkernd, aber ein Zusammenleben mit dir könne man sich beim besten Willen nicht mehr vorstellen.


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